Dreihundertneunundvierzigste Tasse

Wie so oft an grauen Tagen hat die Poesie schon in der Früh einmal mehr mit Erich Kästner telefoniert.

Herr Kästner und ich sind uns einig, sagt die Poesie: Das Leben ist lebensgefährlich. Das Leben sollte umbenannt werden auf RISIKOMANAGEMENT. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Die Poesie seufzt kurz, nimmt dann aber noch einmal das Telefon zur Hand und sagt: Die Eisenbahn stoppen zu wollen, das nützt nichts. Macht aber nichts. Denn Erich Kästner bleibt immer erreichbar und kann im Notfall Weichen und Buchstaben schicken.

Dreihundertachtundvierzigste Tasse

Ein Matrose hat an die Tür geklopft. Ein alter Freund der Poesie. Auf der Durchreise. Der Matrose hat uns ein Wort mitgebracht, das wir schon fast vergessen hatten: EUPHORIE.

Die Poesie hat es über unseren Küchtentisch gehängt, damit es uns nicht wieder abhanden kommt. Der Matrose hat sich in den Garten gesetzt und schaut in die Ferne. In geschlossenen Räumen hält er es nie lange aus. Wir eigentlich auch nicht, aber was muss, das muss. Nur sehr wenige Matrosen sind von den Umständen des Alltags befreit. Wir sind keine Matrosinnen. Wir haben kein Schiff.

Na und?! Sagt die Poesie. Dafür haben wir einen Küchentisch, über dem ein Wort hängt, und eine öffentliche Bücherei in der Nähe. Das reicht weiter, als man auf dem Ozean manchmal sehen kann.

Dreihundertsiebenundvierzigste Tasse

Es klimpert. Die Poesie hat sämtliche Schlüssel verschluckt, die sie in die Finger bekam. Jetzt springt sie herum, damit sie sich mischen, macht schließlich einen Handstand und schüttelt sie alle wieder aus sich heraus. Ein Wort ist zu erkennen: AUFSPERREN.

So, sagt die Poesie, das musste sein. Jetzt bin ich leichter. Das große Aufsperren kann beginnen. Schlüssel und alles andere, was ich zuvor verschluckt hatte, sind neu sortiert.

Dreihundertsechsundvierzigste Tasse

Besondere Lebenlagen erfordern besondere Maßnahmen, sagt die Poesie und wühlt in den Bügelperlen. Dieser Adventssonntag in diesen Zeiten auf dieser Welt erfordert, um nicht zu Grunde zu gehen, folgendes Wort: SPEZIALEINHEIT.

Und das sind wir heute eine. Ich stecke schon mal das Bügeleisen ein. Damit dann alles zusammenhält. Damit uns nichts mehr in diesem ganzen Wirrwarr ringsum zerfällt.

(Eine Spezialeinheit mit der Poesie bilden kann jede und jeder! Einfach einen Gedichtband zur Hand nehmen oder die nächstgelegene öffentliche Bibliothek besuchen! Ab heute sind die Bibliotheken im Land wieder zugänglich.)

Dreihundertfünfundvierzigste Tasse

Heute frühstücken wir auf einem Koffer.

Was ist drin? Frage ich.

Keine Ahnung, sagt die Poesie, die Verschlüsse sind eingerostet, er geht nicht auf. Aber das macht nichts. Ein Koffer ist ein Koffer. Und wenn man einen im Haus hat, sitzt man nie ganz fest. Auch wenn es vielleicht manchmal so aussieht. Denn —

und hier muss die Poesie unterbrechen, denn der Koffer ist so staubig, dass sie sich am aufgewirbelten Staub verschluckt, als sie ihre Kaffeetasse darauf abstellt. Aber auch das Verschlucken macht nichts. Im Gegenteil. Die Poesie krächzt ein letztes Wort für jetzt heraus, das ihre Rede vollkommen abrundet: EIGENTLICH.

Und so frühstücken wir schweigend und zuversichtlich weiter, auf unserem Koffer, mit diesem Wort.

Dreihundertzweiundvierzigste Tasse

Schluss, aus, heute machen wir Feiertag, ruft die Poesie und pustet kräftig in die Papiere, die sich vor uns türmen und bearbeitet werden wollen.

Die To-do-Liste liegt ganz oben und flattert direkt in die Kerze, die wir für die heilige Maria angezündet haben. Als der Rauch sich legt, ist das Wort zu erkennen, zu dem unsere Klebezettelchen sich durch die Puste der Poesie geordnet haben: OHNE.

Der heiligen Maria dürfte dieses Wort ein Begriff gewesen sein. Klebezettelchen brauchte sie keine.

Dreihunderteinundvierzigste Tasse

Es muss einmal wieder unter den Asphalt geschaut werden, sagt die Poesie. Es kommt sicher etwas hervor.

Und nachdem sie gestern schon ein neues Fenster in die Mauer geschlagen hat, wird sie heute ein wenig die Straße aufstemmen. Mit Stemmeisen, Brechstange und Vorschlaghammer stürmt sie hinaus. Auch diese Arbeit fördert eine Menge Staub zu Tage.

Immer rein damit, sagt die Poesie und schluckt eine Wolke Staub um die andere. Das bisschen Staub haut mich jetzt auch nicht mehr um, hüstelt sie und schluckt weiter, bis das Hüsteln ein Husten wird, es in ihrem Innern zu brodeln beginnt und sie schließlich vulkanartig ein Wort in die staubige Luft speit, das sich dann auf den brüchigen Asphalt niederlegt: FISIMATENTEN.

Unter dem Asphalt und diesem Wort wird heute noch einiges hervorkommen, da bin ich sicher.

Dreihundertvierzigste Tasse

Über Nacht scheint unsere Küche geschrumpft zu sein. Alles steht dicht beieinander, es ist düster, die Luft ist dick.

Uff, sagt die Poesie, ist das alles beengend.

Sie zwängt sich zwischen Möbeln und Wänden hindurch und kramt ihre Werkzeugkiste hervor. Sie wühlt Säge, Meisel und Vorschlaghammer heraus und macht sich an der gewaltig gewachsenenen Wand zu schaffen. Es staubt, die Poesie hustet und niest, arbeitet aber tapfer weiter. Und bald schon ist es geschafft: Eine neue Öffnung. Zum Abschluss niest die Poesie so kräftig, dass ihr ein Wort entweicht und nun beruhigend dort prangt: ZEITFENSTER.