Dreihundertachtundfünfzigste Tasse

Ich brauche keinen Karpfen und keine Gans, sagt die Poesie. Mir genügt eine einfache Suppe. Und habe ich schon erwähnt, dass ich keine Geschenke will? Ich habe alles, was ich brauche, vor allem diese paar Buchstaben: WORTSCHATZ.

Wir löffeln heute also hochzufrieden unsere Suppe, ungeachtet aller Traditionen, die sich aufdrängen wollten. Die Suppe schmeckt vorzüglich. Die Poesie hat rote Bäckchen. Mehr bedarf es nicht.

Dreihundertsechsundfünfzigste Tasse

Das Wort KAUFKRAFT wollte sich bei uns einschleichen. Es hat wohl gerochen, dass Weihnachten naht.

Nix da, sagt die Poesie, schiebt das Wort wieder hinaus und schlägt mit Schwung die Tür zu. Sie ruft noch: Unser Weihnachten überschattest du nicht!

Die Poesie wirft stattdessen ihre Krimskramsdose auf den Tisch. Die Dose springt auf und ein Wot hüpft heraus: LIEBHABEREI.

Das behalten wir, sagt die Poesie und: Das hängen wir uns dann an den Baum.

Dreihundertvierundfünfzigste Tasse

Nach so einem verkaufsoffenen Sonntag ist der Montag richtig fad, sagt die Poesie. Alles geht einfach wie gestern weiter: die Geschäfte, das Gerangel, das Gewusel, die Besorgungen, der Punsch und die Pandemie.

Die Poesie streut sich noch etwas Salz auf ihr Butterbrot, etwas mehr als nötig, sie holt mit dem Salzstreuer vor Empörung aus und ruft: Ohne mich! Ich kaufe nichts! Und wenn mich wer sucht und sich beschweren will – ich bin heute dort: SALZAMT.

Ich folge der Poesie. An diesem Montag vor Weihnachten sind wir mit unseren Butterbroten also einfach mal ein paar Stunden fort.

Dreihundertdreiundfünfzigste Tasse

Keine Spur von Ruhe zum vierten Advent. Der Sturm pfeift so laut um das Haus, dass man sein eigenes Wort nicht versteht.

Den Auftritt soll er haben, ruft die Poesie und: Überlassen wir den Böen das Wort.

Die Böen tun, was sie tun müssen. Sie wirbeln alles gehörig durcheinander. Und ganz nebenbei blasen sie uns, wie zur Entschuldigung, noch ein altes Eichenblatt zu, auf dem steht: AUFWIND.

Dreihundertzweiundfünfzigste Tasse

Ein glühender Verehrer der Poesie steht unter unserem Fenster und klampft auf seiner Gitarre ein Lied: Du zartestes unter allen Wesen, du liebreizendes Geschöpf, sage JA zu mir und ich will dich beherbergen, versorgen und auf Händen tragen, ein Leben lang…

Die Poesie zögert nicht lange: Das Wort JA darf keinesfalls das Wort des Tages sein, sonst ist mein Leben vorbei, sagt sie. Und außerdem habe ich eine Herberge, kann mich selbst versorgen und gehe lieber auf meinen eigenen Beinen, als mich tragen zu lassen.

Die Poesie zündet schnell noch ein paar Kerzen an und geht dann, am verdutzten Verehrer vorbei, zum Katalogisieren in die Bücherei. Es ist der Tag des feierlichen NEIN.

Dreihunderteinundfünfzigste Tasse

Am liebsten würde ich bitterlich weinen angesichts der Lage der Welt, sagt die Poesie. Das würde helfen, denn wenn ich ausgeweint hätte, ware ich leichter und könnte frisch und frohgemut weitermachen und anpacken, was mir nicht passt.

Die Poesie versucht, zu weinen, aber es geht nicht. Keine Träne kommt.

Da hilft nur eines, sagt sie, ich muss es gezielter angehen, ich brauche einen Plan.

Die Poesie stapft in den Keller und holt ein Wort herauf, das dort lange unbeachtet lagerte: WEINLOGISTIK.

Eine Wärmflasche und ein paar Taschentücher dazu, schon kann es losgehen. Wenn die Poesie sich ausgeweint hat, kann die Welt sich in Acht nehmen. Mit der richtigen Logistik setzt das Weinen bei ihr enorme Kräfte frei.

Dreihundertfünfzigste Tasse

Jemand hat ein Wort unter der Türritze hindurchgeschoben: FLITZPIEPE.

Das war wohl nicht unbedingt ein Freund der Poesie. Diese ist aber kein Stück gekränkt.

Großartig, ruft sie, dieses Wort hat mir schon oft gefehlt, das muss ich im Haus haben! Wer weiß, wann ich es das nächste Mal für jemanden brauche.

Dreihundertneunundvierzigste Tasse

Wie so oft an grauen Tagen hat die Poesie schon in der Früh einmal mehr mit Erich Kästner telefoniert.

Herr Kästner und ich sind uns einig, sagt die Poesie: Das Leben ist lebensgefährlich. Das Leben sollte umbenannt werden auf RISIKOMANAGEMENT. Da fährt die Eisenbahn drüber.

Die Poesie seufzt kurz, nimmt dann aber noch einmal das Telefon zur Hand und sagt: Die Eisenbahn stoppen zu wollen, das nützt nichts. Macht aber nichts. Denn Erich Kästner bleibt immer erreichbar und kann im Notfall Weichen und Buchstaben schicken.