(Ostern steht vor der Tür. Und der nächste - chrrrrrrk - Lockdown. So oder so: Ab 1. April wird die Bücherei Kirchstetten wieder ein paar Tage zusperren. Das heißt aber nicht, dass sie verschwindet! Man kann sie auch im Geiste aufsuchen, und dort sein, und lesen, Hörbücher hören, nachdenken, und man kann Schwammerl der Zuversicht wachsen lassen, und die Birnen der Revolution, und Äpfel der Lust, und noch viel mehr...wirklich, tatsächlich, das geht! Also Kopf hoch! Und heute oder am Dienstag nochmal ab - in echt - in die Bücherei, Kräfte sammeln!)

Siebenundachtzigste Tasse

Wir sind hier nicht in Seattle, sagt die Poesie. Wir sind auch nicht in Santa Barbara, Rio de Janeiro, Tokio, auf den Caymaninseln, nahe dem Olymp oder im Atlasgebirge. NA UND? Wir sind in Kirchstetten, Niederösterreich. Und es gibt eine öffentliche Bibliothek im Ort, die ist auch am Sonntag offen. Also was soll das Gejammer?

Sechsundachtzigste Tasse

Ein Zweig, übersät mit winzigen Knospen, steht in einem Einweckglas voll Wasser vor uns auf dem Tisch. Ein Frühlingssturm hat ihn vom Baum geweht, die Poesie hat ihn mit nach Hause getragen. Wir starren die Knospen an. Na kommt schon, kommt! Sagt die Poesie. Und: Wir wissen, dass ihr nicht nur unschuldige grüne Blättchen zu Tage bringen könnt, sondern noch viel mehr!

Die Poesie gießt dem Zweig ein wenig Kaffee ins Wasser. Ich weiß, dass Geduld eine Tugend ist, sagt sie. Aber bei der Geburtshilfe geht es von Natur aus mitunter weniger tugendhaft zu.

Fünfundachtzigste Tasse

Ein Kamel sitzt an unserem Küchentisch. Es schaut erschöpft aus und leicht deformiert. Die Poesie hat es mit den richtigen Versen dazu gebracht, sich durch ein Nadelöhr zu zwängen. Gut gemacht, sagt die Poesie, und streichelt dem Kamel über den schiefen Höcker. Ich schenke ihm Kaffee nach. Die Poesie rollt den Börsenteil der Zeitung zusammen und rührt kräftig um.

Vierundachtzigste Tasse

Beim Frühstück hat die Poesie mit Daniel Spoerri telefoniert. Nun kleben unsere Tassen, unsere Teller, unsere Messer, Löffel und Gabeln, unsere Eierschalen, Käserinden und Krümel fest auf der Tischplatte und lassen sich nicht mehr wegdenken. Das war das letzte Frühstück, bevor wir alles anders gemacht haben, sagt die Poesie. Wir machen jetzt alles anders. Und zwar tatsächlich ALLES.

Dreiundachtzigste Tasse

Wir rühren in der Teigschüssel. Osterpinze soll gebacken werden. Die Poesie pickt die Rosinen aus dem Teig und steckt sie sich in den Mund. Sie spuckt sie gleich wieder aus. Das sind keine Rosinen, ruft sie empört, das sind eiskalte Zahlen und Fakten.

Sie müssen hineingerutscht sein. Wir werden sie nicht los. Die Poesie pickt sie alle einzeln heraus und legt sie nebeneinander auf den Tisch. Ich rühre und knete weiter den Teig, die Poesie schmiedet einen Plan. Wir werden sie einfach hier liegen lassen, sagt sie. Wir werden nicht mehr versuchen, sie zu ändern. Wir werden später unsere ofenwarme Pinze daneben legen, sie aufschneiden und Scheibe für Scheibe dick mit Butter und Marmelade bestreichen. Wir werden genüsslich hineinbeißen. Wir werden die Zahlen und Fakten nicht ignorieren. Wir werden ihnen etwas vorschmatzen, Marmelade wird auf sie hinunterkleckern und Krümel werden sich zwischen ihnen verteilen. Und dann werden wir doch mal sehen, ob sie kalt bleiben, oder ob sie sich nicht doch ein wenig bewegen möchten.

Zweiundachtzigste Tasse

Eine alte Freundin der Poesie ist zu Besuch: Anna Blume. Sie hat ihren Vogel dabei, er sitzt auf meiner Schulter und krächzt, während Anna Blume und die Poesie auf Händen über den Tisch gehen und Hüte auf ihren Füßen balancieren. Kurt Schwitters ruft an und fragt, ob eh alles in Ordnung sei. Ja, sage ich, und: Kommen Sie doch auch vorbei.

Er wird gleich da sein. Anna Blume und die Poesie verstecken sich in der Suchmaschine, bis es klingelt. Such uns, such uns, werden sie dann kichernd rufen. Ich koche derweil roten Kaffee. Er schmeckt nach Liebe und Rindertalg. Der Vogel auf meiner Schulter krächzt. Ich streichle ihm über den Rücken und lasse ihn kosten. Da zwitschert er los.

Einundachtzigste Tasse

Schade, dass in diesen Breitengraden keine wilden Kakteen wachsen, sagt die Poesie und rührt mit einem riesigen Stachel, den sie einmal von einer Reise mitbrachte, in ihrem Kaffee. Sie wird sich heute also mit diesem einen Stachel begnügen müssen. Besser als keiner, sagt sie, ihre Augen leuchten dabei unverhofft auf, und ich ahne, sie hat schon eine Idee, wen oder was sie damit piksen kann.

Zum WELTTAG DER POESIE hier die offizielle Stellungnahme der Poesie selbst. Wer sie nicht lesen kann, der/die frage eine Birke.

Achtzigste Tasse

Welttag der Poesie. Seit den frühen Morgenstunden ist das Haus von JournalistInnen umlagert. Wir machen ihnen nicht auf und haben die Vorhänge zugezogen. Ehrungen und Aufmerksamkeit dieser Art sind nicht Sache der Poesie. Sie hat sich versteckt, wo die wenigsten sie vermuten: in der Waschmaschine. Die Schmutzwäsche muss heute warten. Die internationale Presse auch. Später werden wir uns als Putzfrauen verkleiden, und dann schleichen wir uns am Gedränge vorbei. Zur heimlichen Feier. In die Bücherei.