Fünfundfünfzigste Tasse

Das Geschirr der Poesie wäscht sich auch nicht von selbst. So steht die Poesie am Spülbecken und kratzt wie wild geworden mit einem Stahlschwämmchen in einer Auflaufform herum, um den verkrusteten Gratinkäse zu entfernen. Sie schnaubt. Es dauert. Stahlschwämmchen, nuschelt die Poesie. Gratinkäse. Stahlschwämmchen. Gratinkäse. Stahlschwämmchen. Auflaufform.

Es wird noch dauern. Ich gieße den Kaffee der Poesie in die Thermoskanne, damit er später noch warm ist, wenn sie ihn braucht. Sie wird ihn brauchen, ich kenne sie. Sie wird mit dem Stahlschwämmchen heute noch allerhand andere Überlebensstrategien in unsere Tischplatte ritzen.

Vierundfünfzigste Tasse

In der Früh höre ich die Nachtigall zur Tür hinaus trapsen. Die Poesie hat es faustdick hinter den Ohren. Sie hat rote Bäckchen und zerzaustes Haar und grinst wortlos in ihre Tasse hinein. Ich stelle keine Fragen. Die Poesie sagt: Zum Teufel mit dem Amtsgeheimnis.

Sie steht auf und flattert zum Verfassungsgerichtshof. Und ja: sie flattert.

Dreiundfünfzigste Tasse

Nachtigall und Lerche sitzen an unserem Küchentisch und versuchen, sich gegenseitig zu übertönen. Die Poesie hat die beiden hereingeholt, weil ihr Gezeter draußen schon seit den frühen Morgenstunden anhielt und sie glaubte, sie könne bei einer Tasse Kaffee vermitteln. Es scheint aussichtslos, jede der beiden möchte lauter sein, und dabei hören sie gar nicht, was die Poesie sagt. Ich halte mir die Ohren zu. Die Poesie schüttet ihren Kaffee über die Vögel. Dann ist Ruhe. Die Poesie fängt an, zu zwitschern. Aber so dermaßen schief, dass selbst die beiden Vögel die Augen verdrehen. So, sagt die Poesie nach einer Weile. Nachtigall und Lerche tropft der Kaffee aus dem Gefieder. Ich denke, sagt die Poesie, jetzt hat jeder alles gesagt. Können wir jetzt endlich anfangen?

Die Poesie steckt den Vögeln Bleistifte in die Schnäbel und sagt: Schreiben wir Williams alten Schinken neu. Ohne Gezwitscher. Mit ganz klaren Ansagen.

Aus aktuellem Anlass

Dichterkollege W. H. Auden hat heute Geburtstag!

Selbstverständlich feiert er im Hinterholz. Wer mitfeiern möchte, sollte einfach mal den Dichtersteig entlang in den Wald hineinlaufen und schauen, wo die Party steigt. Achtung: Es handelt sich (wegen Covid) um eine Underground-Party! Sie dürfte also nicht so leicht zu finden sein…

Aber auch ohne Party lohnt sich ein Spaziergang über den Dichtersteig in den Wald hinein allemal. Und wer W. H. Auden hochleben lassen möchte, kann zum Beispiel einfach ein Gedicht von ihm lesen. Eine kleine, feine Auswahl davon gibt es in der Bücherei Kirchstetten!

Zweiundfünfzigste Tasse

Die Poesie versteckt sich. Dass sie da ist, weiß ich nur, weil ich ihr Schlürfen höre. Na gut, sage ich, als mein Kaffee leer ist, und: Dann gehe ich jetzt allein in die Bücherei.

Als ich dort ankomme, steht die Poesie mit Stacheln vor der Tür und sagt: Ich bin schon da. Oder was hast du denn geglaubt.

Der Poesie-Igel rollt sich zusammen, ich stecke die pieksende Kugel in die Tasche und betrete die Bücherei. Meine Ohren sind enorm gewachsen. Ich werde mir heute Märchen ausborgen.

Einundfünfzigste Tasse

Wir trinken aus Schnabeltassen, denn wir spielen Tischtennis, und der Kaffee soll dabei nicht überschwappen. Unser Ball ist nicht weiß, sondern schmutzig, eigentlich ist es auch kein Ball, sondern ein Bitcoin, und er macht einen schrecklichen, taktlosen Krach. Wir werden ihn hin- und herschmettern, bis er Dellen bekommt, oder durch das offene Fenster fliegt und für immer in der Thujenhecke draußen verschwindet. Dann können wir endlich wieder mit richtigen Bällen spielen. Und es wird nichts mehr zu hören sein, außer einem angenehm leisen, hellen, rhythmischen Pingpong.

Fünfzigste Tasse

Heute soll es Grillhendl geben. Die Poesie pinselt das nackte, tote Tier mit Öl und Gewürzen ein. Dann steckt sie es auf den Bräter. Daran ist absolut nichts Poetisches, sagt die Poesie. Sie schiebt das Huhn ins Rohr und trinkt erstmal einen Kaffee. Sie wird vor dem Rohr sitzenbleiben und zuschauen, wie das Tier langsam gegrillt wird. Nein, wirklich absolut nichts, sagt sie. Aber die Kruste wird ein Traum.

Neunundvierzigste Tasse

Ich habe keinen Hunger, sagt die Poesie und schiebt ihr Wurstbrot weg. Stattdessen knabbert sie etwas Vogelfutter und rührt versonnen mit einer Feder im Kaffee. Wenn sie das tut weiß ich, sie hat wieder vom Fliegen geträumt. Und sie wird später die Schwermut anrufen und mit ihr plaudern. Ich öffne das Fenster, damit vielleicht eine Amsel oder eine Meise zu uns hereinflattert. Ich weiß, dass dies eher nicht passieren wird. Aber ich zerbrösle das Wort VIELLEICHT und streue es der Poesie zwischen die Körnchen.