Zweihunderteinundneunzigste Tasse

Huch, sagt die Poesie, bin ich da gemeint?

Ich glaube schon, sage ich. Zumindest sind das unter anderem deine Kaffeeringe da in dem Buch.

Ah, ja, sagt die Poesie, blättert ein wenig, liest, und hinterlässt gleich noch ein paar Kaffeeringe mehr.

(Den Kaffeeringen der Poesie kann man in dem Buch folgen, das genau heute erscheint - hier zum Anklicken: https://www.literaturedition-noe.at/publikationen/535-365-tassen-kaffee-mit-der-poesie)

Zweihundertneunzigste Tasse

Wir trinken Kaffee auf einer Aussichtsplattform. Es ist neblig, wir sehen nicht weit. Wir sehen eigentlich nur die Baumkronen unter uns. In einer Buche hat sich ein Stück rot-weißes Absperrband verfangen. Die Poesie ist begeistert.

Herrliche Aussicht, ruft sie und klatscht in die Hände.

Das Absperrband hängt völlig unbewegt in der Buche. Kein Lüftchen geht. Der Nebel scheint eher dichter zu werden als sich aufzulösen.

Weitblick kann jeder, sagt die Poesie und nimmt einen großen Schluck Kaffee. Totale Nähe nicht.

Wenn nicht die Poesie neben mir stünde, würde ich es auf dieser Plattform nicht lange aushalten. So aber betrachte ich mit ihr das Absperrband in der Baumkrone und weiß: Sie hat recht. Was darunter liegt, wird uns früh genug wieder erreichen.

(Aussichtsplattform mit Nahblick: Bücherei Kirchstetten. Heute geöffnet von 10 bis 12 Uhr.)

Zweihundertneunundachtzigste Tasse

Dass die Poesie ausgeschlafen und wieder quietschfidel ist, das ist nicht zu überhören. Sie hat schon im ersten Morgengrauen ihre Mundharmonika ausgepackt, um zu üben. Jetzt schnüren wir die Bergschuhe und wandern zu einer Holzhütte auf einem Hügel, in der tatsächlich Neil Young gerade Kaffee kocht.

Habt ihr euch verabredet oder ist das Zufall, frage ich die Poesie.

Nicht fragen, sagt die Poesie, vor die Hütte setzen und zuhören.

In der Früh klang die Mundharmonika der Poesie noch etwas schiefer. Aber ich muss zugeben, das Üben hat sich gelohnt. Die Jahreszeiten können kommen. Alles andere auch. Verabredungen sind überflüssig.

Zweihundertachtundachtzigste Tasse

Einer der seltenen Tage, an denen die Poesie schlapp und schweigsam ist. Schlecht geschlafen, Kopfschmerzen, stille Verzweiflung angesichts der Lage der Welt.

Ich koche Espresso, aber die Poesie rührt ihn nicht an.

Was kann ich tun, frage ich, damit es dir besser geht?

Nichts, nuschelt die Poesie, und lässt ihren Kopf seufzend auf den Tisch plumpsen.

Ich kraule ihr den Nacken, bis sie eingeschlafen ist. Dann schleppe ich sie ins Bett. Sie schnarcht, dass die Wände wackeln. Ich muss kichern. Sogar an schlechten Tagen und im Schlaf schafft die Poesie es, an etwas zu rütteln.

(Der Poesie den Nacken kraulen oder sich durchrütteln lassen: Heute in der Bücherei Kirchstetten, geöffnet von 15 bis 19 Uhr.)

Zweihundertsiebenundachtzigste Tasse

Eva Strittmatter hat ein Telegramm geschickt. Bevor die Poesie es laut vorliest, sagt sie: Zieh die Schuhe an, danach werden wir aufstehen und einfach weitergehen.

Eva Strittmatter ist schon weitergegangen. Sie winkt uns aus der Ferne zu. Wir verstehen uns, sprachlos.

Zweihundertsechsundachtzigste Tasse

Die Poesie sitzt in W. H. Audens Küche. So viele Töpfe, Schüsseln, Teller, Gläser und Pfannen türmen sich um sie herum, dass man sie nicht sieht.

Ich bin aber da, ruft sie und spritzt ein wenig Kaffee um sich.

Auf die paar Kaffeespritzer kommt es auch nicht mehr an.

Würde die Küche von W. H. Auden anders aussehen, säße ich nicht hier, sagt die Poesie.

Ich setze mich zu ihr. Es riecht eigentümlich, aber es ist durchaus gemütlich.

(Die Poesie in W. H. Audens Küchenordnung entdecken und mehr über ihn erfahren kann man noch bis Freitag im Gemeindeamt Kirchstetten. Die Ausstellung "W. H. Auden - weltberühmter Dichter und Wahlkirchstettner oder: W. H. wer? Ein Dichter??? Bei uns????" wird dann abgebaut.)

Zweihundertfünfundachtzigste Tasse

Die Poesie ist draußen, Äpfel klauben. Ich sitze am Küchentisch und sortiere die Äpfel. Die guten kommen in den Keller, die angeschlagenen schäle ich und schneide sie klein. Korb um Korb schleppt die Poesie herein, nippt am Kaffee und eilt wieder hinaus. Später gibt es Apfelmus, Apfelkuchen, Apfelsaft und noch später Most. Der Baum der Erkenntnis hat so viele Äpfel abgeworfen, dass wir bis ins Frühjahr hinein versorgt sein werden.

Das Paradies ist für Anfänger, sagt die Poesie und beißt in einen Apfel. Wer drin bleibt, geht vor Langeweile ein.

Ich bin gespannt, was wir, Apfel für Apfel, in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten noch alles erkennen werden.

(Äpfel und andere Früchte vom Baum der Erkenntnis, heute zu entlehnen in der Bücherei Kirchstetten, geöffnet von 16 bis 19 Uhr.)

Zweihundertvierundachtzigste Tasse

Wir trinken Kaffee auf einem venezianischen Schutthaufen.

Wir werden nicht untergehen, sagt die Poesie, denn der Schutthaufen wird uns über Wasser halten, er ist hoch genug.

Der Schutthaufen ist kein Schutthaufen, sondern eine Installation von Rebecca Horn. Wir lauschen dem Konzert der Seufzer („Concerto dei Sospiri“) und seufzen leise mit. Tatsächlich sehen wir um uns das Wasser steigen. Wir bleiben trocken. Rebecca Horn sitzt auf einem verkehrt im Wasser treibenden Konzertflügel und zwinkert uns zu.

(Trocken bleiben mit Rebecca Horn und der Poesie kann man hier: https://www.kunstforumwien.at/de/ausstellungen/hauptausstellungen/315/rebecca-horn)

Zweihundertdreiundachtzigste Tasse

Die Poesie hat sich ein Smartphone gekauft und gleich wieder im Kaffee versenkt.

Mal sehen, welche neuen Funktionen es hat, wenn es wieder trocken ist, sagt sie. Zum Beispiel: Stille. Oder: Totale Funktionslosigkeit. Oder: Analogmodus.

Die Poesie sagt: Ich werde es dann als Jausnbrett verwenden. Oder als Briefbeschwerer. Oder als Tischtennisschläger. Oder, oder.

Die Poesie unterstützt gerne die Wirtschaft, aber nur wenn es Sinn macht. Die Poesie denkt nachhaltig. Telefonieren wird sie in Zukunft dann per Dosentelefon. Und die Brieftaube ist sowieso viel zu fett geworden und braucht dringend Bewegung.

(Heute in den Analogmodus umsteigen: Kaffee zum Versenken des Smartphones wird in der Bücherei Kirchstetten bereitgestellt, geöffnet von 10 bis 12 Uhr. Ein Dosentelefon für dringende Telefonate gibt es ebenfalls vor Ort. Die fette Brieftaube übt bereits wieder flattern.)

Zweihundertzweiundachtzigste Tasse

Die Poesie hat einmal mehr Virginia Woolf zum Kaffee eingeladen.

Man kann sie nicht oft genug in der Küche sitzen haben, sagt die Poesie.

Virginia Woolf bleibt nie lange, denn sie hat immer viel vor. Und das ist auch gut so.

Wir halten dich nicht auf, sagt die Poesie, nimm deinen Kaffee mit, wenn du weiter musst.

Schon ist Virginia Woolf wieder aus der Tür. Aber sie hat etwas dagelassen:

https://oe1.orf.at/programm/20211008/655046/Der-Oe1-Essay-von-Virginia-Woolf