8. Kapitel

Jetzt will er es wissen! Rief die Poesie. Von jetzt an muss ich meine Ermittlungen intensivieren.

Büchereileiterin Euphoria fotografierte die buchstäbliche Schweinerei zur Dokumentation und für Beweiszwecke, dann gingen die Bibliothekarinnen ans Werk und säuberten ihre Bücherei, damit die lesehungrigen Besucherinnen und Besucher am folgenden Tag nicht auch noch von den Untaten des unbekannten Unholdes beeinträchtigt wurden.

Erschöpft gingen die Damen dann gegen Mitternacht nach Hause. Die Bücherei strahlte wieder in gewohntem Glanz. Die Poesie blieb und richtete sich auf dem Sofa ein Lager für die Nacht.

Und wenn ich hier drin alt werde, sagte sie, wir werden jetzt nicht mehr locker lassen, nichts soll uns mehr entgehen. Wir werden dem Halunken auf die Spur kommen!

Die Nacht verging ohne besondere Vorkommnisse. Die Poesie tat jedoch kein Auge zu. Sie lauerte und lauschte auf jedes Geräusch, doch nichts geschah. Im Morgengrauen hörte sie die Damen des Bürgerservice das Gemeindeamt betreten, dem die Bücherei angeschlossen war.

Nun wird er sich ohnehin nicht mehr trauen, dachte die Poesie und richtete sich auf.

Wichtig war es nun, Klarheit zu gewinnen, um ganz gezielt weiter ermitteln zu können.

Die Poesie erstellte mit ihrem Bleistift folgende Liste:

Gesucht wird ein Mann, mittelgroß, eher leicht übergewichtig, der

– Zigarren schätzt

– Fingerfarbe liebt

– die Farbe Rot bevorzugt

– Handschrift: eher krakelig/unbeholfen/kantig/ohne den gewissen Schwung

– dem Alkohol nicht abgeneigt ist (Stichwort: Flachmann)

– nah am Wasser gebaut ist oder tatsächlichen Kummer (welcher Art?) hat (Stichwort: benutztes Taschentuch)

– großes Talent hat, sich umbemerkt an- und wieder davonzuschleichen

– also eher feige ist (schwere Komplexe nicht auszuschließen)

– trotz allem halbwegs gerne zu lesen scheint

– evtl. einen engeren Bezug zum ehemaligen Westberlin oder dem Mauerfall 1989 hat (Stichwort: Herr Lehmann)

– einen weiteren Bezug zum ALT WIEN KAFFEE hat

– geschichtlich interessiert ist (Stichwort: römisches Reich)

– eher pessimistisch veranlagt ist

einen Zugang zu frischem Schweinsbraten hat oder diesen selbst gerne schmort

– scheinbar irgendeinen Frust auf die Bücherei Kirchstetten schiebt

Ergänzungen und Hinweise bitte jederzeit an die Poesie oder die Mitarbeiterinnen der Bücherei!

Die Poesie kopierte die Liste und machte sich sofort auf den Weg, sie in ganz Kirchstetten samt aller Katastralgemeinden auszuhängen. Da die Katastralgemeinden zahlreich waren, dauerte dieses Unterfangen bis zum Abend.

Erschöpft kehrte die Poesie in die Bücherei zurück. Euphoria war dort noch mit letzten Büroarbeiten und Rücksortierungen beschäftigt. Sie meldete, der Tag sei ruhig verlaufen. Besucherinnen und Besucher seien wie immer zahlreich gewesen, allesamt aber freundlich und unauffällig.

Doch der Tag sollte nicht ruhig zu Ende gehen. Euphoria war gerade gegangen und die Poesie war schon dabei, sich das Lager für die nächste Nacht herzurichten, als es an die Scheibe klopfte. Kassandra, die Besitzerin des Kirchstettner Nahversorgers wedelte draußen mit einem Blatt Papier. Die Poesie öffnete ihr die Tür.

Eure Liste war ruckzuck verschwunden, rief Kassandra. Ich habe es nicht sofort bemerkt. Aber stattdessen hing nun dieser Zettel an meiner Pinnwand. Ich dachte, er könnte von Interesse für die weiteren Ermittlungen sein. Wenn man mich fragt: Ich sehe nichts Gutes auf Kirchstetten zukommen…

Die Poesie nahm den Zettel entgegen und schaute darauf.

Ich glaube, mein Schwein pfeift, sagte sie.

Und wie zur Bestätigung begann der Bleistift der Poesie so derart stark zu glühen, dass Rauch aus seiner Spitze drang und die Bücherei im Nu völlig eingenebelt war. Der Rauchmelder sprang an und gab seinen unerträglich hohen Pfeifton von sich.

7. Kapitel

Die Poesie goss den beiden blass gewordenen Kellnern des ALT WIEN ersteinmal je ein Stamperl Hagebuttenschnaps ein. Dann zückte sie ihren Bleistift und ließ die beiden rasten und sich von ihrem Schreck erholen. Die Bibliothekarinnen aus Kirchstetten übernahmen unterdessen, flexibel, wie sie waren, kurzerhand Bar- und Servicebetrieb, denn das Mittagsgeschäft war ja noch immer in vollem Gange.

Die Poesie ging zielstrebig zur Herrentoilette und untersuchte mit ihrem Bleistift erneut per Kratzprobe die Schrift auf dem Spiegel.

Wusste ich es doch, murmelte sie. Definitiv kein Lippenstift – wäre auf der Herrentoilette ja auch noch verwunderlicher, als es eh schon ist.

Die Poesie kehrte zurück zu den Kellnern, die langsam wieder Farbe in die Gesichter bekamen und vernehmungsfähig schienen.

Was hat es mit diesem Schmierfink auf sich? Er hat übrigens mit roter Fingerfarbe gearbeitet. Kam das öfter vor?

Eine Zeitlang täglich, gab der eine Kellner mit noch immer leicht zitternder Stimme an.

Er hat uns fast in den Wahnsinn getrieben, rief der andere. Täglich hinterließ er einen Spruch, irgendwo im Lokal, manchmal auch auf den Fensterscheiben. Schräge Sprüche waren das…und nie hat ihn jemand zu Gesicht bekommen! Obwohl die Sprüche immer während der Öffnungszeiten auftauchten, bei vollem Betrieb! Er hat hier täglich für Aufruhr gesorgt.

Habt ihr die Sprüche notiert? Fragte die Poesie.

Nein. Wir waren immer sehr bedacht darauf, sie schnell verschwinden zu lassen. Aber ich weiß noch, dass ich mit keinem Spruch wirklich etwas anfangen konnte. Meinte der eine Kellner.

Der andere warf ein: Ja, oder was soll man davon halten: Wien ist nicht Venedig, geht aber trotzdem unter. Oder: Aller guten Dinge sind Brei. Oder: Die Kruste wird im Allgemeinen überbewertet.

Die Poesie schrieb mit. Beim letzten Spruch hielt sie inne: Das ist doch schon wieder aus „Herr Lehmann“, rief sie, und sie schien wenig überrascht.

Und euch ist wirklich nie jemand aufgefallen? Der düstere Bernhard-Leser am Fenster, kann der damit zu tun haben?

Die Kellner dachten angestrengt nach.

Vielleicht, stammelte der eine, vielleicht auch nicht. Da war der ja immer, und er schien am wenigsten gerührt von den Sprüchen, während alle anderen Gäste sich meist bogen vor Lachen, zu Grübeln begannen oder entsetzt das Lokal verließen, wenn ein neuer Spruch wie aus dem Nichts auftauchte. Aber wir schrieben das immer seinem allgemein ungusteligen, abweisenden Wesen zu…

Ok, Jungs, sagte die Poesie. Ich werde wiederkommen und hier weiter ermitteln. Wenn ihr jetzt wieder fit seit, würde ich euch aber bitten, mir die Mädels aus Kirchstetten wieder abzulösen. Wir müssen dringen zurück. Ich habe so ein komisches Bauchgefühl…

Wenig später saßen die Bibliothekarinnen und die Poesie wieder im Zug nach Kirchstetten. Die Poesie schien schweigsam. Sie wackelte etwas nervös mit ihrem Bleistift, der tatsächlich an der Spitze leicht glühte.

In Kirchstetten angekomnen, sagte sie: Bevor wir alle nach Hause gehen, schauen wir nochmal kurz in die Bücherei, nur zur Sicherheit…

Der Betriebsausflug war bis hierhin schon außergewöhnlich und aufregend gewesen. Sein Ende aber übertraf alles, was man an einem einzigen Tag erwarten konnte. Als Leiterin Euphoria die Büchereitür aufsperrte und die Bibliothekarinnen samt Poesie eintraten, blieben ihnen reihum die Münder offen stehen und es herrschte, was selten unter ihnen vorkam, betretenes Schweigen: Auf der Ausleihe lag der Stapel an Büchern über den Untergang des römischen Reiches, die unlängst verschwunden waren. Zuoberst stand eine Servierplatte mit Resten eines Schweinebratens, Soße und einem Messer. Der Braten selbst hing, in grobe Scheiben geschnitten, an dem großén Ast über dem Sofa, der ansonsten mit zur Jahreszeit passender, filigraner Papierdeko geschmückt war. Hier und da tropfte noch Fett und Soße herunter. Auf der Tischplatte beim Sofa stand mit roter Fingerfarbe, teilweise mit Soße und Fett verschmiert, geschrieben: Man kann auch an zu viel Braten/Büchern zu Grunde gehen. Siehe Rom.

6. Kapitel

Betriebsausflug!

Die Büchereimitarbeiterinnen trauten reihum ihren Augen nicht, als sie dieses Wort in einer Eilnachricht von Büchereileiterin Euphoria auf ihren Smartphones lasen. Lange hatten sie einen solchen schon unternehmen wollen, nie war Zeit gewesen, immer hatte es dringendere Angelegenheiten gegeben. Nun hatte die Poesie zur Eile gemahnt: Ein Ausflug ins ALT WIEN, oder, besser gesagt, eine Recherchereise zur Unterstützung der laufenden Ermittlungen sei ratsam, meinte sie. Bestenfalls gemeinsam, denn 10 Augenpaare würden mehr sehen und 10 Ohrenpaare mehr hören als nur eines oder zwei.

Das ließen die Damen sich nun nicht zweimal sagen. Tags darauf saßen sie im Zug von Kirchstetten nach Wien. Die Poesie hatte Kaffee in einer Thermoskanne und genügend Becher mit. Sie schenkte eifrig aus. Dabei wurde die Vorgehensweise in Wien besprochen.

Wir werden ganz normale Gäste sein, sagte die Poesie. Wir bestellen Schnitzel und Bier oder was immer man in Wien so zu Mittag zu sich nimmt. Jedenfalls werden wir verweilen. Ganz gemütlich. Mich kennen die Kellner, ich werde mich ein wenig zu ihnen gesellen und mich mit ihnen unterhalten, während ihr euch im Lokal umschaut und umhört. Jede Kleinigkeit, die euch auffällt, kann wichtig sein.

Und so betraten die Bibliothekarinnen aus Kirchstetten an diesem scheinbar ganz normalen Tag gegen 11:30 Uhr frohgemut und zu allen Taten bereit das ALT WIEN, nahmen am größten Tisch Platz und begannen, neben der Speisekarte so unauffällig wie möglich auch ihr Umfeld zu inspizieren.

Die Poesie unterdessen stellte sich an die Bar, wo sie schon so manch inspirierende Stunde verbracht hatte.

Ach, riefen die beiden anwesenden Kellner, du mal wieder, lange nicht gesehen!

Die Poesie verfiel mit den Kellnern in eine kurze, nette Plauderei, kam dann aber schnell zum Punkt: Der Kerl, der hier immer neben der Tür am Fenster saß, Thomas Bernhard las und dabei bösartig in die Welt schaute – kommt der noch? Wisst ihr, wer das ist?

Die Kellner schienen sofort zu wissen, von wem die Poesie sprach. Fast einstimmig riefen sie: Der! Der war lange nicht da!

Beide schienen über diese Tatsache nicht unglücklich, ja sogar erleichtert.

Keine Ahnung, wer das ist, fuhr dann einer der Kellner fort. Aber zuletzt hat er nicht mehr Bernhard gelesen. Zuletzt ließ er einen Gedichtband auf dem Tisch zurück. Hier, wir haben ihn noch in der Fundsachenkiste.

Der Kellner wühlte hinter dem Tresen herum und fand schließlich, was er gesucht hatte.

Die Poesie verschluckte sich an ihrem Mocca – der Kellner streckte ihr ein abgegriffenes, blaues Buch entgegen: W. H. Audens „Kirchstettner Gedichte“.

Die Poesie hatte sich so heftig verschluckt, dass beide Kellner ihr nun den Rücken klopfen und sie stützen mussten. Auch die Bibliothekarinnen sprangen auf und eilten gesammelt herbei. Als der Hustenanfall vorüber war und die Poesie wieder einigermaßen Luft bekam, keuchte sie: Ich habe es geahnt. Wir sind auf der richtigen Spur, aber –

und hier wurde sie von einer der Bibliothekarinnen unterbrochen. Diese warf leise und vorsichtig ein: Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber während wir aßen, sagte ein junger Student am Nebentisch zu seinem Kumpel, auf der Herrentoilette habe jemand mit Lippenstift einen „coolen“ Spruch auf den Spiegel geschrieben: Wir sind hier nicht in NÖ, mein Schatz.

Nun fiel dem einen Kellner das Glas, das er gerade auf ein Tablett hatte heben wollen, dem anderen das Portemonnaie, in dem er gerade nach Wechselgeld gewühlt hatte, aus der Hand. Es klirrte und schepperte.

Der Schmierfink war wieder da! Riefen sie, wieder fast einstimmig – dieses Mal mit dem blanken Entsetzen in der Stimme.

Und scheinbar hatte wieder niemand das Kommen oder Gehen dieses sonderbaren „Schmierfinks“ bemerkt.

5. Kapitel

Psssst, sagte die Poesie und presste ihr Ohr an die Büchereitür. Wenn noch jemand drin ist, wird er sich nun bewegen, sich zusammenpacken, einen Fluchtweg suchen.

Aber nichts. Kein Mucks war zu hören. Die Poesie, Euphoria und die Büchereimitarbeiterin harrten minutenlang regungslos vor der Tür aus, bis die Poesie schließlich abwinkte und meinte: Wer auch immer da drin war, er oder sie ist über alle Berge.

Euphoria sperrte die Tür auf. Bis auf das Sofa, neben dem tatsächlich das völlig zerfledderte Exemplar von Sven Regeners „Herr Lehmann“ lag, schien alles auf den ersten Blick unberührt. Euphoria stürmte hinter die Ausleihe und überprüfte die Schubladen und Kästen, vor allem natürlich den Kasten, in dem sich die Kassa befand.

Alles da, sagte sie schließlich, nicht ohne Überraschung in der Stimme. Alles ordnungsgemäß verschlossen. Vermutlich hat nicht einmal jemand versucht, sie zu öffnen.

Die Poesie untersuchte derweil das Sofa. Mit ihrem Bleistift zeichnete sie eine Skizze der Knautschspuren auf Sitzfläche und Polstern.

Wenn ich es mir genau anschaue, grübelte sie laut, dann würde ich sagen, dass hier ein mittelgroßer, aber nicht gerade leichtgewichtiger Mensch gelegen haben muss. Vermutlich trug er oder sie eine Haube oder eine andere Kopfbedeckung, denn es ist kein Haar zu finden. Und vermutlich hat er oder sie geweint!

Die Damen starrten die Poesie an.

Die Poesie hob ihren Bleistift in die Höhe. Auf der Spitze hing ein zerknülltes Taschentuch.

Das lag auf dem Boden unter dem Sofa, sagte sie. Und: Es ist definitiv kein Rotz darin zu finden, es ist aber feucht. Kombiniere: Es handelt sich um Tränen.

Ein weinender Einbrecher, der verschollene Bücher zerfleddert wiederbringt, hier übernachtet und dann am Morgen wie vom Erdboden verschluckt ist? Fragte Euphoria ungläubig.

Die Poesie wendete sich dem aus der Form geratenen „Herr Lehmann“ zu. Sie blätterte sorgfältig darin, steckte ihre Nase lange zwischen alle Seiten. Es dauerte, bis sie damit fertig war. Dann, wie um noch einmal sicher zu gehen, schüttelte sie das Buch, die Seiten nach unten, wie einen Wischmob aus.

Vermutlich hat er oder sie das Buch mehrmals ganz und sehr genau gelesen, stellte sie fest. Er oder sie dürfte kein Lesezeichen gebraucht, sondern jeweils wahnhaft in einem Zug durchgelesen haben. Und er oder sie schien uns über das Buch etwas mitteilen zu wollen. Denn es gibt eine Stelle darin, die fett unterstrichen wurde: Ich habe überhaupt keine Ahnung, wann das anfing mit der ganzen Scheiße. Das ist das Komische daran. Das ist wie mit dem Untergang des römischen Reiches, da weiß auch keiner, wann das eigentlich anfing.“

Euphoria und ihre Mitarbeiterin schalteten schnell. Ruckzuck war im Onlinekatalog herausgesucht, welche Bücher im Bestand sich mit dem Untergang des römischen Reiches befassten. Und ruckzuck war überprüft: Sämtliche dieser Bücher fehlten! Sogar die aus der Kinderabteilung. Und dort, zwischen den WAS-IST-WAS-Büchern, hatte der oder die Täter/in noch etwas hinterlassen: Eine leere Packung Zündhölzer aus dem guten, alten, im 1. Wiener Bezirk gelegenen KAFFEE ALT WIEN.

Der Poesie fiel der Bleistift aus der Hand.

Da kannte ich mal einen, murmelte sie mit weit aufgerissenen Augen. Ich hoffe, wir haben es hier nicht mit diesem Kerl zu tun.

Sie hob ihren Blesitift auf und hielt ihn nun wie ein Messer, die Spitze nach vorn.

Wir sollten uns warm anziehen, sagte die Poesie. Es könnte definitiv richtig ungemütlich werden.

4. Kapitel

Die Befragungen ergaben nichts. Niemand hatte in dieser Nacht rund um die Bücherei etwas gesehen, zumal alle damit beschäftigt gewesen waren, Silvester zu feiern. In einer Silvesternacht geht man in den seltenstens Fällen zur Bücherei.
Auch die Nachbarn aus den umliegenden Häusern konnten von keinerlei Auffälligkeiten berichten. Der Zeitpunkt, an dem der oder die Täterin die Scheibe beschriftet und die Zigarre geraucht hatte, sich also vor der Bücherei aufgehalten haben musste, war in den ganz frühen Morgenstunden zu verorten – da hatten alle geschlafen. Büchereileiterin Euphoria, ihresgleichen Frühaufsteherin und Arbeitstier, die sich nichts aus Silvester machte, war gegen 5:30 Uhr zur Bücherei spaziert, um liegengebliebene Büroarbeiten zu erledigen, und hatte den Schriftzug als erste entdeckt. Da war schon niemand mehr zu sehen gewesen.

Einige Wochen geschah nichts. Obgleich der Kopf der Poesie weiterhin rauchte, weil sie Antworten finden wollte, wie es ihrem Wesen entspricht, und auch wenn ihr Bleistift immer wieder leicht zu glühen begann, geriet der Vorfall in Kirchstetten langsam in Vergessenheit.
Doch der Bleistift der Poesie glühte in all diesen Wochen nicht ohne Grund immer wieder auf.

Eines Sonntagmorgens wurde Büchereileiterin Euphoria vom Klingeln ihres Telefons bei der Lektüre von Susan Sontags „Against Interpretation“ unterbrochen. Die Büchereimitarbeiterin, die an diesem Sonntag Dienst hatte, schrie aufgelöst aus dem Hörer: Das glaubst du nicht! Hier ist, ich meine, hier war, also, vielleicht ist hier noch – huaaah –
und damit brach sie ab, Schritte und eine Tür, die ins Schloss fiel, waren zu hören, dann wieder die keuchende, zittrige Stimme der Büchereimitarbeiterin: Ich bin jetzt draußen und habe von außen zugesperrt. Du musst kommen und auch die Poesie informieren. In der Bücherei lag auf dem Tisch beim Sofa das abgängige Buch, „Herr Lehmann“, total zerfleddert. Und auf dem Sofa waren eindeutig Abdrücke, auch die Polster waren zerknautscht – als hätte dort jemand geschlafen!

Beweg dich nicht von der Stelle, rief Euphoria, und lass die Tür zugesperrt. Ich komme. Und ich bringe die Poesie mit.

3. Kapitel

Der Bleistift der Poesie begann zu glühen, sobald die Poesie den letzten Satz beendet hatte.

Ein eindeutiges Zeichen, dass hier noch mehr im Busch ist, sagte die Poesie.

Sie hob den Zigarrenstummel auf. Er war bereits erkaltet, aber noch nicht allzu weit heruntergeraucht, sodass das Etikett noch in Teilen vorhanden war. Die Marke war zu erkennen: Herr Lehmann.

Keine sehr häufig gerauchte Marke, eher etwas für Spezialisten, sagte die Poesie.

Sie bat Büchereileiterin Euphoria, auf der Stelle in der Belletristik unter dem Buchstaben R nachzusehen. Euphoria huschte in die Bücherei hinein und sah mit geschultem Blick sofort: Hier fehlte ein Buch! Es war ungeschickt versucht worden, die Lücke zu schließen, doch Euphoria kannte jeden Buchrücken in ihrer Bücherei genau. Wenn ein Buch nicht an seinem Platz war, fiel ihr das auf.

Hastig schaltete sie den Rechner ein, um herauszufinden, ob das Buch vielleicht doch einfach verborgt worden war und sie sich nicht mehr daran erinnerte. Doch der Online-Katalog konnte nicht lügen: Das Buch war als im Bestand verfügbar verzeichnet. Niemand hatte es offiziell entliehen. Das konnte also nur eines heißen…

Jetzt ist Schluss mit lustig, sagte die Poesie und zog ein Plastiktütchen aus ihrem Sondereinsatzkommandokoffer, in das sie den Zigarrenstummel plumpsen ließ, um ihn luftdicht aufzubewahren. Dann kontrollierte sie das Türschloss der Bücherei.

Keine Einbruchspuren, stellte sie fest. Nicht einmal ein Kratzer. Das heißt, der Täter oder die Tärerin muss einen Schlüssel gehabt haben – oder auf andere, bisher noch nicht nachvollziehbare Weise, in die Bücherei gekommen sein. Oder war hier doch eine der Büchereimitarbeiterinnen mit verwickelt?

Das kann ich mir nicht vorstellen, rief Euphoria. Die rauchen doch keine Zigarren! Und außerdem hätten diese sich doch jedes Buch ganz normal über den Scanner selbst entlehnen können, anstatt es einfach mitgehen zu lassen.

Die Poesie kroch unterdessen schon am Boden herum und untersuchte alle Winkel, um mögliche weitere Spuren zu finden. Die Mühe war nicht umsonst. In einem Winkel im hinteren Teil der Bücherei fand die Poesie einen kleinen Schraubdeckel aus Edelstahl.

Der Größe und der Form nach könnte er zu einem Flachmann gehören, meinte die Poesie.

Wer um alles in der Welt also trank im hintersten Winkel der Bücherei Kirchstetten aus einem Flachmann und vergaß den Verschluss, stahl dann Sven Regeners West-Berliner Wendezeit-Roman „Herr Lehmann“, beschmierte anschließend das Schaufenster mit Fingerfarbe und rauchte zum Abschluss noch eine Zigarre passender Marke? Wie war diese Person überhaupt in die Bücherei hineingekommen? Und vor allem: WARUM das alles?

Die Poesie hängte sich ans Telefon und riss nun der Reihe nach sämtliche Büchereimitarbeiterinnen, den Bürgermeister und alle anderen Gemeindebediensteten aus dem Bett. Neues Jahr hin oder her, alle mussten nun befragt werden. Der oder die Täterin würde mit dem einen Roman nicht lange beschäftigt sein. Er oder sie plante möglicherweise schon in diesem Moment weitere Aktionen. „Herr Lehmann“ endete schließlich mit dem Fall der Berliner Mauer –

Und danach, sagte die Poesie, blieb, wie wir alle wissen, nicht nur für Frank Lehmann, sondern auch in Wirklichkeit für die ganze Welt nichts mehr, wie es war…

2. Kapitel

Die Poesie zückte als erstes das wichtigste Utensil jeder professionellen Ermittlerin: ihren Bleistift. Nicht aber, um etwas aufzuschreiben, sondern um eine der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieses wertvollen Accessoires (das übrigens nicht nur im Sondereinsatzkommandokoffer der Poesie, sondern auch in keiner Handtasche keiner Frau von Welt fehlen sollte!) zu nutzen. Sie machte eine Kratzprobe. Und kam umgehend zu einem ersten Ergebnis.

Wir haben es hier mit einem Feigling zu tun, sagte die Poesie. Es handelt sich nicht um Sprühlack, es handelt sich vermutlich um gewöhnliche Fingerfarbe!

Das Wort TRUG hatte die Poesie im Handumdrehen mit ihrem Bleistift heruntergeschabt. Die anderen Wörter ließ sie vorerst, für Beweiszwecke, auf der Scheibe.

Dass die Polizei sich nicht dafür interessiert hat, mit welcher Art Farbe hier geschmiert wurde, gibt mir doch sehr zu denken. Dass die Herren darüber hinaus keine Fragen hatten und nicht ansatzweise auf die Idee kamen, sich nach Zeuginnen oder Zeugen zu erkundigen, halte ich für mehr als ignorant. Meinte die Poesie.

Ein Kirchstettner Hundebesitzer, der mit seinem Dackel gerade den ersten Gassigang erledigte und zufällig vorbeigekommen war, hatte die letzten Minuten nun mitbekommen und rief voller Überzeugung aus dem Hintergrund: Fingerfarbe! Natürlich! Nichts als ein dummer Jungenstreich!

Euphoria, die Büchereileiterin, blieb skeptisch, und auch die Poesie erwiderte: Auf den ersten Blick mag das naheliegen. Aber das Naheliegende genügt mir nicht, hat mir nie genügt, sollte nie genügen. Oder kennen Sie Jungen, die konsumieren, was mein routinierter zweiter Blick hier erhascht?

Die Poesie deutete auf einen Zigarrenstummel am Boden.

Sowas raucht kein dummer Junge in einer Silvesternacht vor der Bücherei, sagte die Poesie. Wir haben es hier mit jemandem zu tun, der es ernst meint. Jemand, dem es um Großes geht. Ein Feigling und gleichzeitig ein Angeber. Das gehört meist zusammen. Und: Das hier war nur sein Auftakt. Dieser Mensch hat noch mehr Zigarren in seiner Sammlung. Der wird keine Ruhe geben, bis er alle geraucht hat. Und wer weiß, was dann.

(Kein Kapitel und keine Neuigkeiten rund um die Ermittlungen der Poesie verpassen? Einfach diesen Blog ABONNIEREN! Rechts unten mit einem Klick.)

Die Poesie hat bereits ihren Sondereinsatzkommandokoffer gepackt und ist damit höchst bereit, MORGEN im 2. KAPITEL des FORTSETZUNGSROMANES rund um mysteriöse Vorkommnisse in Kirchstetten weiter zu ermitteln…

Wer sich, wie die Poesie, mit passender Rundumschlag-Lektüre wappnen möchte, kann dies zum Beispiel heute in der Bücherei in Kirchstetten tun: geöffnet von 15 bis 19 Uhr.

Lesen bildet nicht nur, es schärft auch die Sinne, den Verstand und die Menschenkenntnis, sagt die Poesie. Somit ist man mit Büchern für eine Vielzahl an Problemen und Herausforderungen gerüstet.

2. Kapitel??

Das gibt es am Samstag, den 8. Jänner 2022. Das 3. Kapitel einen Samstag später, usw.

Nur so viel sei verraten: Die Polizei hätte gut daran getan, den Fall ernst zu nehmen. Denn es wird nicht bei einem beschmierten Schaufenster bleiben, die Poesie wird allerhand zu tun haben und es wird mehr zu verteidigen sein als das Inventar einer Bücherei….

Es lohnt sich trotzdem, zwischendurch ab und zu reinzuschauen. Denn zwischen den Kapiteln des Romanes gibt es immer wieder auch andere Neuigkeiten und Meldungen rund um die Bücherei und den Alltag der Poesie auf dieser wandelbaren Welt.

1. Kapitel

Das kann ja heiter werden, murmelte die Poesie, als sie in den frühen Morgenstunden des 1. Jänner im Dunkeln das Haus verließ. Nicht einmal ein Kaffee war sich noch ausgegangen.

„Es ist was passiert! Wir brauchen dich hier!“

Die Poesie hatte die vor Aufregung schrille Stimme der Büchereileiterin Euphoria noch im Ohr. Sie hatte ja schon oft mit ihr telefoniert, aber nie zuvor an einem Neujahrsmorgen vor Sonnenaufgang. Und wenn diese ansonsten gefestigte und patente Frau einen derart hohen Tonfall anriss, dann musste die Lage tatsächlich ernst sein.

Als die Poesie bei der Bücherei ankam, fuhren die Herren von der Polizei gerade weg. Sie hoben aus dem Auto heraus noch höflich ihre Dienstmützen zum Gruße, dann rauschten sie ab.

„Die Herren meinen, man könne nichts machen. Ein dummer Jungenstreich vielleicht. Nach Silvester hätten sie immer Wichtigeres zu tun. Es sei schließlich niemand zu Schaden gekommen. Und die Büchereidamen seien ja flink, die könnten das sicher schnell beseitigen.“

Die Büchereileiterin schien empört. Die Poesie war nun auch ohne Kaffee hellwach und zu allem bereit: Auf dem Schaufenster der Bücherei stand in großen, roten Buchstaben ALLES LUG UND TRUG.

Eines war klar: Die Polizei hatte keine Ahnung. Hier musste tatsächlich die Poesie ans Werk. Der Täter oder die Täterin musste gefunden werden.