Neuigkeit der Woche

Kirchstetten soll wachsen, und es soll sicherer werden! Das finden auch die Bibliothekarinnen im Ort. Daher – und weil die Zeiten herausfordernd sind und wirtschaftliche Flexibilität gefragt ist – wurde die Kirchstettner Bücherei einmal mehr quasi über Nacht neu erfunden.

Die Bücherei Kirchstetten dient ab sofort auch als

SAMENBANK und BOMBENWERKSTATT.

Samen können jederzeit gebracht, geholt oder getauscht werden. Bomben werden laufend gebaut, Anleitungen zum Bombenbau in der privaten Werkstatt sind ebenfalls in der Bücherei erhältlich.

Kirchstetten dürfte also bald in jeder Hinsicht aufblühen. Und niemand muss sich mehr fürchten, denn die Aufrüstung ist in vollem Gange.

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Die neu eingerichtete Kirchstettner Samenbank. Für jeden Geschmack ist etwas dabei.

Ist möglicherweise ein Bild von eine oder mehrere Personen und Innenbereich
Kirchstettner Bibliothekarinnen beim Bombenbau

Hundertneunzehnte Tasse

Die Poesie hat das Auto, das sie nicht besitzt, zum Reifenwechsel und zum Service in die Werkstatt gebracht. Weil sie Reifenwechsel, Service und Werkstätten gut findet, generell, auch ohne Auto. Es gehören Schrauben gelockert und Schrauben fester gezogen, von Zeit zu Zeit. Es gehört der Ölstand geprüft. Die Scheibenwischerfunktion gehört kontrolliert. Die Bremsen müssen getestet werden. Undsoweiterundsofort. Die Poesie ist Stammkundin in der Werkstatt, sie wird herzlich begrüßt und bekommt Kaffee. Das Auto, das sie nicht hat, wird am Ende sogar noch gewaschen und strahlt am Ende, dass es in den Augen blendet. Mit zusammengekniffenen Augen kann es jetzt weitergehen. Und auf anderen Reifen.

Hundertachtzehnte Tasse

Ein Onlineriese ist zu Besuch. Das heißt, er hat sich selbst eingeladen, er muss sich hereingefunkt haben, denn hereingelassen haben wir niemanden.

Wie ist es, wenn man so groß und mächtig ist? Fragt die Poesie.

Der Onlineriese aber hört sie nicht, sein Ohr hat nicht mehr hereingepasst, eigentlich sehen wir ihn nur bis zu den Knöcheln. Es klingt auch, als würde er da draußen ein Onlinemeeting mit anderswem abhalten. Die Poesie holt eine Mistgabel und pikst den Onlineriesen an den Fußsohlen. Auch das scheint er nicht zu bemerken. Jetzt reicht’s mir aber, sagt die Poesie.

Sie holt den Vorschlaghammer und schlägt ein großes Funkloch in die Luft. Der Onlineriese schrumpft, wie ein Luftballon, der ein Loch hat. Lätschert, jämmerlich und klein hängt er jetzt auf unserer Küchenbank und schnauft. Irgendwo piepst noch etwas. Wird leiser. Dann ist endgültig Sendepause. Der Onlineriese ist eingeschlafen. Wir lassen ihn liegen und gehen in die Bücherei.

Hundertsiebzehnte Tasse

Stumm und reglos sitzt die Poesie auf einem riesigen Ei. Ich habe keine Ahnung, woher dieses Ei kommt und was daraus schlüpfen wird. Die Poesie kann es mir auch nicht sagen, sie deutet mir nur mit den Augen an, ich möge keine Fragen mehr stellen. Fakt ist, das Ei ist riesig. Fakt ist, die Poesie wird es ausbrüten. Auch wenn das Ei vielleicht leer ist. Gerade dann.

Hundertsechzehnte Tasse

Unzählige kleine Bomben liegen auf unserem Tisch. Und die Poesie mixt noch mehr Zutaten zusammen, baut noch mehr davon. Später werden wir die hochexplosive Ware vorsichtig in die Bücherei tragen. Von dort wird dann kostenlos weiterverteilt. Hier wird kein Angriff geplant, sondern eine Verteidigung. Nichts wird zerstört werden. Es wird allerhand wachsen. Etwas wird wuchern. Wild, lautlos, bunt und mitunter mehrjährig. Wir rüsten nachhaltig auf.

Hundertfünfzehnte Tasse

Das Skelett eines Urgetiers liegt auf unserem Tisch. Die Poesie ist gerade noch dabei, die winzigen Knochen und Knochenteile und Knochensplitter zusammenzusetzen. Mit einem Pinselchen entfernt sie Staub und Sand. Sie hat diese Überreste im Keller gefunden, verschüttet unter alten Kohlen, Holz, Spinnweben, Mäusekot und verschrumpelten Erdäpfeln. Nun braucht es Fingerspitzengefühl, damit nichts kaputt geht, damit alles erhalten bleibt, damit am Ende alles wieder sitzt, wo es soll. Um welches Tier handelt es sich? Frage ich.

Es handelt sich vermutlich um ein sogenanntes soziales Nähebedürfnis, sagt die Poesie. Es könnte aber auch ein gemeiner hedonistischer Lifestyle sein. Beide stammen vom Urinstinkt Wärmesicherung ab, aber die Grenzen sind da leider oft fließend. Und die Überreste hier sind wirklich sehr alt.

Die Poesie pinselt und puzzelt weiter am Skelett herum. Ich rufe das Museum an, es möge jemanden zur Beratung vorbeischicken, wie wir mit dem Urgetier dann weiter verfahren.

Hundertvierzehnte Tasse

Die Hose der Poesie ist über Nacht zu kurz geworden. Vielleicht, weil sie gestern so viele Knödel gegessen hat. In die Knödelmasse haben wir allerhand Unsinn hineingeknetet. Das hat sich gelohnt. Bald schon wird die Poesie eine dem Irrsinn der Zeiten angemessene Größe erreicht haben. Die Geographie schenkt der Poesie eine längere Hose. Die Geographie nämlich ist geschrumpft. Wir laden sie gleich zum Essen ein. Es gibt Palatschinken. Mit unglaublicher Füllung.

Eilmeldung

HEUTE: WELTTAG DES BUCHES.

Die Poesie hat schon einen kleinen Schwips. Den hat sie vom Picknick in der Kirchstettner Frischluftbücherei mitgebracht. Dort gibt es hochprozentigen Lesestoff. Und ja, richtig gelesen:

FRISCHLUFTBÜCHEREI.

Wenn es nämlich nicht möglich ist, die Kirchstettner Bücherei zu betreten, dann kommt die Bücherei eben an die frische Luft:

Viel Freude!

Und wer vor lauter Sinnesrausch danach nicht mehr aufrecht nach Hause gehen kann: Die Bücherei Kirchstetten bietet auch Taxidienste an! Einfach anrufen…

Hundertdreizehnte Tasse

Die Mutation einer Mutation einer Mutation der Abscheulichkeit sitzt an unserem Tisch. Sie ist genau so widerlich wie ihr Ursprung. Sie bekommt keinen Kaffee von uns. Die Poesie kitzelt die Mutation am Bauch und versucht, sie zum Lachen zu bringen, oder ihr wenigstens ein anderes Geräusch zu entlocken. Die Mutation schweigt. Sie mutiert vor unseren Augen weiter zu einem Trauerkloß. Bevor wir Mitleid bekommen, spannt die Poesie ihn in ihre Steinschleuder. Und raus damit.

Hundertzwölfte Tasse

Es knuspert. Die Poesie hat Toastbrote geröstet, Butter tropft auf unsere Teller. Danach röstet die Poesie noch das Parteiprogrammheft einer Partei ohne Farbe, das Smartphone von Franz Grillparzer, ein paar Gewinnerlose, den Katechismus und den falschen Reisepass eines Drogenkartellbosses. Es knuspert und knuspert. Warme Butter tropft auf unsere Teller. Die tunken wir später noch auf.