Ausgangssperre Tag 11

Die Poesie trifft sich heute mit der Melancholie. Per Skype, versteht sich. Ich werde diesem Treffen nicht beiwohnen, denn wenn die beiden sich begegnen, ist auch meist die Schwermut nicht weit.

Nicht mit mir!

Also Kopfhörer auf und Belle and Sebastian rein. Hält nicht nur die Schwermut fern, sondern bewirkt auch, dass man sich wie 17 fühlt und vergisst, was man alles gerade nicht soll:

Ausgangssperre Tag 10

Ein Spaßvogel hat beim Bücherei-Lieferservice folgendes bestellt:

Mal wieder ein bisschen Sonne

Die Köpfe der Büchereimitarbeiterinnen rauchten die ganze Nacht, um eine Lösung zu finden, wie dieser Bestellung nachzukommen wäre. Dann kam ein Kobold zu Hilfe, der auch als Dichter tätig und daher Stammgast in Kirchstetten ist. Wir freuen uns also, hiermit mal wieder ein bisschen Sonne aus seinem großen Werk „Dreißigsiebenvierzehn echte Pumuckl Dichter-Gedichte – Was sich reimt, ist immer gut“ (erschienen im Lentz Verlag, München, 1995) veröffentlichen zu können. Und danken den Kobolden der Welt, dass sie stets zur Stelle sind, wenn man sie braucht.

Ausgangssperre Tag 9

Auf den Feldern um Kirchstetten lauern überall Gedichte, die einem aus dem Innersten sprechen.

(Das ist natürlich Quatsch, ich kann nach 9 Tagen Isolation nur einfach nicht mehr klar denken. Es handelt sich auf dem Foto nicht um ein Gedicht, sondern um Erdbrocken.)

Ausgangssperre Tag 8

Beim Abholen des gestrigen Abendessens wurde dem grünen Curry ein Glückskeks beigelegt, dessen Botschaft lautete:

Konzentrieren Sie sich auf das Wesentliche. Dann gelingt alles.

Das grüne Curry war hervorragend und sehr bekömmlich, bot also keinen Anlass für eine schlaflose Nacht. Vielmehr war es der depperte Glückskeks, der Unmut aufkommen ließ. Denn:

Was soll das sein, das Wesentliche?

Die Bücherei Kirchstetten stellt daher nun folgende

Preisfrage:

Was ist das Wesentliche?

Sobald eine brauchbare Antwort eintrifft, wird das Wesentliche natürlich ins Sortiment der Bücherei aufgenommen (es muss sich dabei um kein Buch handeln, die Bücherei Kirchstetten ist da ganz offen…)

Der/die GewinnerIn erhält dann umgehend einen Sack voller Wesentlichem bzw. eine Kiste Wein.

Das grüne Curry betrachten wir nun als Metapher für den allgemeinen geistigen Zustand der Gesellschaft in diesen Zeiten (theoretische Abhandlungen darüber sind ebenfalls herzlich willkommen und werden auch gerne ins Sortiment der Bücherei aufgenommen) und mit der Glückskeksfabrik gab es bereits erste Gespräche, in wie weit man den Inhalt der Kekse überdenken könnte, um mehr Praxisnähe für die KonsumentInnen zu erreichen. #KisteWein

Ausgangssperre Tag 7

Neuigkeit der Woche:

Einem Bauern kullerte eine Rübe vom Anhänger. Ich hob sie auf und trug sie nach Hause. Als ich Samuel Beckett am Telefon davon erzählte, war er hellauf begeistert. Ich schickte ihm die verschrumpelte Rübe per Post, er hat sofort ein neues Stück darüber geschrieben. Sobald die Corona-Lage wieder Großveranstaltungen zulässt, wird das Stück in der Bücherei Kirchstetten Premiere feiern. Titel (natürlich): Die Rübe

Worum es gehen wird? Soviel sei verraten: Eine Rübe liegt in der menschenleeren Bücherei und wartet. Man weiß nicht, wartet sie auf eine andere Rübe? Auf die Erleuchtung? Auf mehr Bücher? Auf das Ende der Welt? Auf Liebe? Auf den Pizzabringdienst? Oder auf einen Herrn namens Bodo?

Karten können ab heute reserviert werden!

Ausgangssperre Tag 6

Die Kontaktbeschränkungen gelten übrigens nicht für den Kontakt mit Rauhreif.

Rauhreif gilt als systemrelevant, es darf und sollte also durchaus das Haus verlassen werden, um ihn näher zu betrachten oder gar zu berühren.

Ausgangssperre Tag 5

Aus lauter Verzweiflung darüber, dass man nichtmal am Freitagabend raus und auf ein Bier gehen kann, habe ich Abend und Nacht mit Ulysses verbracht. Die letzten Zeilen las ich beim Frühstück. Ich bin jetzt wahrscheinlich der einzige Mensch, der dieses Buch je ganz gelesen hat. Es liegt mir die Vermutung nahe, dass James Joyce das auch während einer Ausgangssperre geschrieben hat. Ich bin mir aber nicht sicher, ob das dem Ganzen gut getan hat.

Wer auch einen dicken Wälzer für Abende und Nächte fernab der Bierlokale der Welt braucht, wende sich an die Bücherei Kirchstetten. Keine Sorge, den Ulysses gibt es dort nicht! Aber es gibt einige Bücher, die zumindest in etwa halb so dick sind und doppelt so viel Inhalt haben (in Ulysses wird auf ca. 1000 Seiten nur ein einziger Tag beschrieben). Beispielsweise:

Eine Biographie über W.H.Auden, von Humphrey Carpender. 495 Seiten, in denen es unter anderem sogar um Kirchstetten geht!

„Unrast“ von Olga Tokarczuk. 464 Seiten, auf denen vom Reisen erzählt wird. Es dürfte uns allen gerade gut tun, zumindest darüber zu lesen. Wer es vor lauter Handke-Hysterie im letzten Jahr vergessen hat: Frau Tokarczuk hat 2018 den Literaturnobelpreis gewonnen. Wurde nur in Österreich weniger drüber diskutiert als bei Handke…

Beide Bücher können unter

kirchstetten-buecherei@bibliotheken.at

bestellt werden. Sie werden jeweils mit einer Flasche Bier dazu ausgeliefert.

Ausgangssperre Tag 4

In der Früh saß ein Clown im Garten und weinte. Ich lief hinaus und brachte ihm eine warme Decke und eine Tasse Kaffee. Er wickelte sich in die Decke, trank Kaffee und schwieg. Mit zu uns reinkommen wollte er nicht. Aber zumindest hörte er auf, zu weinen.

Als ich gerade wieder aus dem Fenster sah, war er fort.

Ich wundere mich über nichts mehr.

Ausgangssperre Tag 3

Bevor Sie auf dumme Gedanken kommen, hören Sie lieber Radio, und zwar auch mal was anderes als nur die Nachrichten…

Warum ein (toter) Igel in Totzenbach zum Politikum wird, die Arche Noah Niederösterreich durchquert und Noah das Ruder abgibt, warum Troja noch immer brennt, worüber mit angehenden Topmodels gesprochen werden sollte, ob die Revolution gestreichelt werden möchte, was der Kanzler auf sein Brot schmiert, wann man genug Abba gehört hat, weshalb man viel, viel öfter Ilse Aichinger lesen sollte und was Moby Dick in einem Keller in Kirchstetten zu suchen hat:

https://www.swr.de/swr2/doku-und-feature/die-besten-jahre-swr2-essay-2020-09-21-100.html

Dieser Radioessay wurde hier zwar schon einmal beworben, aber damals konnte keiner ahnen, dass alles nochmal von vorne losgehen würde…