Zweihundertvierundsechzigste Tasse

Die Poesie steht vor einer Schulklasse. 3. Klasse Mittelschule.

Wer bist du denn? Ruft es aus der hintersten Reihe.

Ich bin die Poesie, sagt die Poesie.

Verstehen wir nicht, ruft es. Und: Was willst du hier?

Nur da sein, sagt die Poesie. Und mich mit euch unterhalten. Will jemand einen Kaffee?

Cringe, ruft es zurück.

Verstehe ich nicht, sagt die Poesie. Könnt ihr mir das erklären?

Die Schülerinnen und Schüler erklären der Poesie , was „cringe“ heißt. Die Schulstunde ist im Nu vorbei.

Zweihundertdreiundsechzigste Tasse

Zum Montag holt die Poesie gerne ihr Akkordeon aus dem Kasten und übt. Mario Batkovic zeigt ihr, wie es gehen kann. Und wie man Beschränkungen aller Art auflösen kann. Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag. Die Poesie spielt sich mit Mario Batkovic über den Terminplaner hinweg.

Zweihundertzweiundsechzigste Tasse

Wir sitzen unter dem Arc de Triomphe. Wir haben keine Kanonen dabei. Stattdessen unsere Kaffeetassen. Und gute Freunde: Christo und Jeanne-Claude. Sie machen Pause mit uns, sie haben soeben den Arc de Triomphe in weißen Stoff gehüllt. Es ist noch Stoff übrig, damit verhüllen sie nun auch unsere Tassen. Unsere Tassen werden zu etwas Anderem unter dem Stoff. Sie werden unschuldig, sie werden zu einem Abenteuer, sie werden zu einem Geheimnis, einem Versprechen, einer süßen Verheißung. Wir bekommen sofort Lust, unter die Hüllen zu schauen. Der Kaffee schmeckt heute gut wie nie.

Nacktheit ist auf Dauer fad, sagt die Poesie.

Christo und Jeanne-Claude haben unterdessen begonnen, auch die Poesie in weißen Stoff zu packen. Sie strahlt. Auf der Champs-Elysees können die Lampen heute ausbleiben.

(Unter diverse Hüllen schauen, heute auch möglich in der Bücherei Kirchstetten, geöffnet von 10 bis 12 Uhr.)

Zweihunderteinundsechzigste Tasse

Die Poesie entsteint Zwetschgen. Mit den Früchten wird sie Kuchen backen. Die Steine wird sie unbemerkt in die Schreibtischschubladen der Minister und ein paar noch mächtigerer Männer legen.

Sollen die ruhig einmal einen Zwetschgenstein in ihrer Schreibtischschublade finden und sich Gedanken machen. Sagt die Poesie.

Zweihundertsechzigste Tasse

Eine große Ruhe hat sich über uns ausgebreitet. Das heißt, sie hängt an der Zimmerdecke, aber sie sieht etwas unglücklich aus.

Bitte, komm doch runter zu uns an den Tisch, das ist doch ungemütlich da oben, sagt die Poesie.

Nein, sagt die Ruhe, ich stehe stets über allem, ich bin ja schließlich die Ruhe selbst, sagt die Ruhe.

Da möchte ich nicht mit dir tauschen, sagt die Poesie.

Ich sitze auch lieber mit der Poesie unten. Jetzt und hier.

(Mit der Poesie runterkommen, heute möglich in der Bücherei Kirchstetten, geöffnet von 15 bis 19 Uhr.)

Zweihundertneunundfünfzigste Tasse

Wir fahren heute nicht nach Übersee. W. H. Auden ist zu uns gekommen. Er liegt hier, in Kirchstetten am Friedhof, aber nicht begraben. Er ruht sich nur aus. Später wird er aufstehen, mit seinem gelben VW Käfer zur Bücherei fahren und die Löwen streicheln, die es dort gibt.

Sicher gibt es in Kirchstetten Löwen, sagt die Poesie. Und sie lassen sich nicht von jedem streicheln, aber von W. H. Auden schon. Wie er das macht? Seine Antwort: If I could tell you I would let you know.

(Das Gedicht "If I could tell you" von W. H. Auden ist in der Bücherei Kirchstetten nachzulesen. Heute geöffnet von 9 bis 11:30 Uhr. Ab 14 Uhr kann man W. H. Auden persönlich in und um die Bücherei Kirchstetten antreffen. Vielleicht auch Löwen.)

Zweihundertachtundfünfzigste Tasse

Heute bin ich inkognito, sagt die Poesie.

Mir gegenüber sitzt ein Pümpel und pümpelt an der Kaffeetasse. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, es ist nur ein Pümpel, eine Saugglocke, ein Abflussreiniger. Ich würde denken: Das ist surreal. Das ist ein ganz schlechter Scherz.

Ich weiß es aber besser. Mir gegenüber sitzt ein Wesen, das Verstopfungen aller Art lösen kann. Das Verlorenes aus den Untiefen der Abflüsse heraufholen kann. Alles nur durch Unterdruck. Ganz ohne Gift.

Zweihundertsiebenundfünfzigste Tasse

David Bowie stand vor der Tür. Er hat sein Wörterbuch mitgebracht. Die Poesie und er sind seit Stunden darin vertieft. Ich will nicht stören und verhalte mich leise. Hier geht es um alles.

(David Bowies Wörterbuch und anderes, heute zu entlehnen in der Bücherei Kirchstetten, geöffnet von 16 bis 19 Uhr. Auch dort geht es um alles.)

Zweihundertsechsundfünfzigste Tasse

Eine riesige Spinne sitzt in der Badewanne. Sie schafft es nicht, herauszukrabbeln, die Wände sind zu glatt. Sie rutscht immer wieder runter. Die Poesie stellt die Kaffeetasse ab, nimmt die Spinne vorsichtig auf die Hände und trägt sie ins Freie.

Kannst du das auch mit mir machen, frage ich die Poesie.

Aber sicher, sagt die Poesie, nimmt mich auf die Hände und trägt mich raus.

Manchmal reicht es, zu wissen, dass die Poesie da ist, nur um einen ins Freie zu tragen, wenn man es selbst nicht schafft.