Vierundsechzigste Tasse

Eine Kaltfront ist vorhergesagt. Der Nordwind rüttelt schon an Bäumen und Sträuchern. Soll er doch rütteln, woran er will, sagt die Poesie. Sie hat ihre Sturmhaube aufgesetzt und trägt eine Windjacke. An mir jedenfalls rüttelt er nicht, sagt sie, und verspeist einen Stein. Und dann noch einen. Und noch einen. Dann rührt sie Zement in ihren Kaffee und trinkt aus. Bevor sie sich hinausschleppt, steckt sie noch ein Sturmfeuerzeug ein. Am Boden bleiben und leuchten, sagt die Poesie, oder was sonst?

Regen peitscht gegen die Fensterscheibe. Die Poesie steht im Garten. Wenn die Kaltfront vorübergezogen ist, werde ich einen Kran bestellen müssen, um sie wieder hereinzuheben. So schwer ist sie.

Dreiundsechzigste Tasse

Die Poesie übt, auf einem Grashalm zu pfeifen. Das tut sie oft, wenn ihr keine Wörter einfallen. Sie wird jedes Mal besser. Der Klang ist mit Wörtern nicht zu beschreiben. Deshalb sollte man, wie die Poesie, immer einen Grashalm in der Tasche haben. Das erleichtert vieles.

Zweiundsechzigste Tasse

Eine Sanduhr steht vor uns auf dem Tisch. Wenn der ganze Sand durchgeronnen ist, sind unsere Eier fertig. Aber das interessiert uns heute nicht. Wenn der ganze Sand durchgeronnen ist, wird die Poesie die Sanduhr wieder umdrehen. Wieder und wieder. So lange, bis ein Sandkorn oben hängen bleibt. Ich werde dieses Sandkorn Unsinn taufen, sagt die Poesie. Das Eierwasser verdampft. Die Eier werden Steine. Wir werden sie später in den Bach werfen. Der Bach wird ein Fluss. Der Fluss eine Ader. Wir sitzen am Ufer und trinken Kaffee. Wir süßen unseren Kaffee mit dem Unsinn. Ein Huhn läuft durch den Garten. Wir haben nichts zu befürchten.

Einundsechzigste Tasse

Handarbeitstag. Die Poesie hat Nadel und Faden bereitgelegt. Es gibt eine Menge Löcher zu stopfen und eine Menge Knöpfe anzunähen. Nicht nur an unserer Kleidung. Die Nadel der Poesie ist eine Spießrute, die aus dem Verkehr gezogen wurde. Ihr Faden eine Diagrammkurve, die nicht dem Richtwert entsprach. Die Poesie hantiert sehr geschickt damit. Spaß ist es keiner, muss aber manchmal sein, sagt sie. Manche Dinge gelingen leider nur in mühevoller Handarbeit. Ich gieße ihr einen Fingerhut voll Cognac in den Kaffee. Als alle Löcher für heute gestopft sind und alle Knöpfe wieder halten, näht die Poesie noch rasch einen Beutel, in den wir den Verdruss stopfen können. Er wehrt sich nicht einmal. Waschlappen.

Sechzigste Tasse

Ein Stapel Broschüren liegt auf unserem Tisch. Die Poesie möchte der Gewerkschaft beitreten. Sie weiß aber nicht, welcher. Keiner von denen fühle ich mich zugehörig, seufzt die Poesie. Sie rührt mit einer Anstecknadel des Gewerkschaftsbundes in ihrem Kaffee, bis er kalt ist. Ich koche ihr einen heißen Espresso. Sie nimmt einen Schluck, da beginnen ihre Augen zu leuchten. Ich werde eine neue Gewerkschaft gründen, sagt die Poesie. Sie schiebt die Broschüren weg, nimmt Stift und Papier und beginnt, eine eigene Broschüre zu schreiben. Ich wundere mich nicht, als ich später sehe, dass diese Broschüre ausschließlich Noten enthält. Eine eigene Anstecknadel ist für die Gewerkschaft der Poesie nicht vorgesehen. Dafür aber ein Chor. Die erste Probe wird noch heute stattfinden. In der neuen Gewerkschaftszentrale: Bücherei.

Achtundfünfzigste Tasse

Eine Melange, ein Buttersemmerl und ein Ei im Glas, ruft die Poesie. Aber bitte mit Salz dazu.

Ich raschle mit einer Zeitung. Die Poesie blättert in ihrem Notizbuch. Es duftet nach Jahrzehnte altem Zigarettenrauch, Kaffee und warmen Mehlspeisen.

Wir spielen Frühstück im Wiener Kaffeehaus. Das Frühstück zumindest ist echt, wir essen und trinken alles auf. Das Wiener Kaffeehaus um uns fällt auf der Stelle in sich zusammen. Unzählbare winzige Kaffeehaussplitter schweben um uns darnieder und landen lautlos auf Möbeln und Fußboden. Wieder nur Staub.

Wir spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Wir schlagen noch ein Ei ins Glas und rühren um.

Siebenundfünfzigste Tasse

Die Poesie trägt Sonnenbrille. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise hält sie den abgedunkelten Blick auf die Welt nicht lange aus. Ich frage: Was ist los? Zu wenig geschlafen? Wilde Nacht?

Nein, sagt die Poesie, irgendeine Allergie.

Sie nimmt die Sonnenbrille ab, ihre Augen sind geschwollen und rot. Der Pollen kann es nicht sein, denn Poesie und Pollen sind Geschwister und vertragen sich gut. Worauf also reagiert die Poesie heute allergisch?

Wir überlegen lange, ich träufle abwechselnd homöopathische Tropfen in die Augen der Poesie und in unseren Kaffee. Ich liebe die Homöopathie, sagt die Poesie. Ich liebe sie dafür, dass sie alles bewirken kann und nichts.

Wir überlegen weiter, was die allergische Reaktion ausgelöst hat. Es dämmert schon, als mich aus dem Spalt zwischen Küchenkasten und Wand hervor zwei Augen anleuchten: ein bunter Hund. Der Hund trägt einen Maulkorb, schaut böse drein und trägt ein Markerl am Halsband. Ich lese, was darauf steht: Ich gehöre dem Zweifel, bitte bring mich zurück.

Das tun wir umgehend und äußerst gern. Und auf dem Rückweg gehen wir in die Bücherei.

Sechsundfünfzigste Tasse

Superman ist bei uns zu Gast. Die Poesie hat ihn auf einem Workshop zur Weltverbesserung kennengelernt und zu uns eingeladen. Er erzählt nun seit Stunden von seinen Heldentaten. Die Poesie gähnt. Ich schenke zum zigsten Mal Kaffee nach, es reicht nicht mehr für alle. Ich muss neuen Kaffee kochen, aber die Kaffeedose ist leer. Superman, sagt die Poesie, könntest du nicht schnell zum Geschäft fliegen?

Superman springt sofort auf, zupft seinen Umhang zurecht, überprüft den Sitz seiner Frisur und macht sich auf den Weg. Wir verriegeln die Tür fest hinter ihm. Heute lassen wir keine Helden mehr herein, pfeifen auf noch mehr Kaffee und verbessern die Welt ein klein wenig ohne Anmeldung, ohne Anleitung und ohne Unkostenbeitrag. Vor allem aber ohne Umhänge und unfrisiert.