Dreihundertvierunddreißigste Tasse

Eine Palme wächst auf dem Kopf der Poesie. Sie streut ein wenig weißen Sand in ihren Kaffee, der heute überraschenderweise nicht schwarz, sondern azurblau ist.

Lass uns für einen Moment Barbados sein, sagt die Poesie. Ohne Königin. Und bei allen Problemen ringsum voller Hoffnung und Zuversicht.

So sind wir also für einen Moment Barbados. Heute zumindest bläst uns ein warmer, leicht salziger Wind ins Gesicht und die karibische Sonne bleicht uns das Haar und zaubert Sommersprossen in unsere Gesichter, die uns auch morgen noch daran erinnern werden, was wir heute kurz waren: die jüngste Republik der Welt.

Dreihundertdreiunddreißigste Tasse

Alles schwankt, unsere Tassen rutschen auf dem Tisch hin und her, ich muss sie festhalten.

Was ist hier los? Rufe ich.

Nichts, sagt die Poesie, nur Montag, leichte Böen, aber ich werde das Schiff schon schaukeln.

Die Poesie schnappt sich den Adventskranz und dreht gekonnt daran.

Wofür haben wir das Ding sonst, wenn nicht als Steuerrad, sagt sie. Damit wir auch dieses Jahr nicht zum Ende hin auf Grund laufen.

Die Poesie steuert, schon schwankt alles etwas weniger. Ich kann die Tassen wieder loslassen. Wir schippern getrost weiter. Die Kerze am Steuerrad brennt. Die Dekosterne, ein Keramikengel und ein Glitzerherz purzeln runter. Aber auf die kommt es nicht an.

Dreihundertzweiunddreißigste Tasse

Wer sagt, dass unter Beschränkungen und Schnee kein Rock’n’Roll stattfinden kann, ruft die Poesie, legt ihre Nick Cave Platte auf und misst nochmal nach: Schnee und Beschränkungen türmen sich bereits 15 Fuß hoch über uns. Tendenz steigend.

Die Poesie drückt auf Start, wirft die Hände in die Luft und legt los. Von Luftknappheit keine Spur.

(Roch'n'Roll geht auch ohne Plattenspieler und Nick Cave. Die Bücherei Kirchstetten steht gerne beratend zur Seite und liefert passende Hilfsmittel - selbst unter enorme Schneedecken, zu abgelegenen Gehöften, in Höhlen, ehemalige Stasizentralen und hinterste Winkel.)

Dreihunderteinunddreißigste Tasse

Absonderung Tag 10. Die Poesie hat ihre Angelschnur aus dem Fenster geworfen und fischt im Trüben. Sie hat schon zwei Fische gefangen, Aal-ähnliche Geschöpfe, lang, glitschig und irgendwie ekelerregend: die Wörter Virusvariante und Langzeitkurzarbeit. Sie zappeln in unserer Badewanne, die Poesie hat bereits versucht, ihnen mit dem Holzhammer eins überzuziehen, keine Chance. Die Dinger sind nicht totzukriegen, sie zappeln und winden sich. Sie zu Suppe zu verarbeiten erregt schon beim Gedanken daran unseren Brechreiz.

Es hilft nichts, sagt die Poesie, lässt die Wörter zappeln und angelt weiter.

Bis ein besserer Fang anbeißt. Ein Fisch, der die beiden anderen Fische verschlingen wird. Oder sie zumindest einschüchtert.

Ein Fisch wird kommen, sagt die Poesie und rezitiert, während sie reglos die Angel aus dem Fenster hält, einmal mehr Amanda Gorman.

Weil es nach wie vor hilft, sagt die Poesie. Auch wenn im Trüben gerade kein Präsident zu sehen ist, auf den man hoffen könnte. Vor allem dann.

Dreihundertdreißigste Tasse

Von wegen schwarzer Freitag, ruft die Poesie. Der Schnee, der gerade noch ganz vorsichtig zu fallen beginnt, ist weiß, und er wird unvorsichtig, wird zum Gestöber werden. Es wird nicht lange dauern, dann wird er alles bedecken. Auch unseren Laptop, samt aller offener Tabs.

Die Poesie stellt den Laptop vor das Fenster. Es schneit fröhlich drauf. Unsere Bestellvorgänge sind für heute abgebrochen. Statt Tabs öffnen wir Nüsse und das eine oder andere Buch.

(Wer trotzdem heute unbedingt etwas bestellen muss oder möchte, kann bei der Bücherei Kirchstetten bestellen. Wer den Laptop schon in den Schnee gestellt hat, kann auch anrufen. Die Lieferung erfolgt heute und an allen anderen Tagen - egal, ob sie schwarz oder weiß sind - gratis.)

Dreihundertneunundzwanzigste Tasse

Die feuerrote Friederike ist zu Gast. Sie hat der Poesie bereits Ketchup in die Haare geschmiert.

Ob das gesund ist, ist egal, sagt die Poesie. Rot ist rot.

Die feuerrote Friederike bringt der Poesie nun bei, die Stirn richtig in Falten zu legen. Wenn man die Stirn richtig in Falten legen kann, kann man fliegen. Die Poesie übt und übt, dann kann sie es: Die feuerrote Friederike und die Poesie heben ab und fliegen jauchzend durch die Wohnung. Sie fliegen sogar zur Bücherei und wieder zurück. Denn wenn man die Stirn richtig in Falten legt und rote Haare hat, kann man fliegen, wohin man will, ohne das Haus zu verlassen. Absonderungsbescheid hin oder her.

(Fliegenlernen ohne das Haus zu verlassen, mit der feuerroten Friederike, mit Christine Nöstlinger selbst oder anderen klugen Zeitgenössinnen und Zeitgenossen: Die Bücherei Kirchstetten bietet in ausgangsbeschränkten Zeiten wieder Click & Collect sowie Hauszustellung an! 
Auswahl im Onlinekatalog: https://www.eopac.net/BGX431430/
Bestellungen per E-Mail an: kirchstetten-buecherei@bibliotheken.at 
oder per Telefon: 0680/2031645)

Dreihundertsiebenundzwanzigste Tasse

Wir dürfen noch immer nicht hinaus.

Macht nichts, sagt die Poesie, was sein muss, muss sein, und die Bücherei ist sowieso auch geschlossen.

Die Poesie richtet kurzerhand eine Standleitung in die Bücherei ein.

Auch in geschlossenen Büchereien wispert und wuselt es, sagt sie. Man muss nur ganz genau hinhören.

(Die Bücherei Kirchstetten kann heute und die nächsten Wochen aus bekannten Gründen nicht aufsperren. Man kann sich aber jederzeit hineindenken. Und demnächst auch bestellen und abholen oder liefern lassen. Mehr dazu demnächst .)

Dreihundertsechsundzwanzigste Tasse

Endlich wieder Zeit zum Puzzlebauen, sagt die Poesie, und schüttet einen Berg Puzzleteile auf den Tisch.

Es ist ein nicht gerade kleiner Berg.

Was soll am Ende abgebildet sein, frage ich. Gibt es eine Vorlage?

Natürlich nicht, sagt die Poesie, mit Vorlage und Endziel wäre es ja wohl ein Scherz. Das hier ist aber das echte Leben, die absolute Wirklichkeit, also beginnen wir, versuchen wir mal, das alles zusammenzusetzen und schauen, was sich dabei tut. Hier drinnen, die nächsten Wochen, und überhaupt.

Wir beginnen also. Ich koche noch einen Kaffee.

Die einzelnen Teilchen zumindest, sagt die Poesie, die haben wir selbst in der Hand. Jedes für sich. Und wenn es uns zu fad wird, werfen wir sie in die Luft, jonglieren damit, sortieren sie um und setzen sie anders zusammen, als geplant.

Dreihundertfünfundzwanzigste Tasse

Eine leere Konservendose an einer Schnur ist zu unserem Fenster hereingeflogen. Samuel Beckett hat sein Dosentelefon ausgeworfen, er sitzt auch in Quarantäne, aber im Gegensatz zu uns hat er sich die selbst ausgesucht.

Hör mal, werte Poesie, sagt seine Stimme aus der leeren Dose heraus, hör mal, was ich geschrieben habe – ich nenne es „Texte um Nichts“: Jählings, nein, allmählich, endlich konnte ich nicht mehr, nicht mehr weiter. Jemand sagte, Sie können da nicht bleiben. Ich konnte da nicht bleiben, und ich konnte nicht weiter.

Die Poesie lauscht eine Weile, dann hängt sie die Dose aus dem Fenster.

Soll er es der Hecke vorlesen, sagt sie. Nicht, dass ich ihn nicht schätze und verstehe, aber bei allem Verständnis, und Absonderung hin oder her: Es muss jetzt weitergehen, und es geht auch.

(Weiterkommen kann man - Lockdown hin oder her - tatsächlich trotzdem mit Samuel Becketts "Texten um Nichts", oder mit Texten um alles Mögliche. Letztere sind zahlreich erhältlich in der Bücherei Kirchstetten, heute nochmal geöffnet von 10 bis 12 Uhr.)