18. Kapitel

Der Pflanzenmarkt der Bücherei war wie immer erfolgreich vorübergegangen. Die buchstäbliche Sauerei, die der Unbekannte noch vorher hinterlassen hatte, war jedoch nicht kleiner geworden. Wieder hatte er zum Schweinsbraten gegriffen. Vielmehr zum Bratensaft. Dieser war großzügig auf den Schaufenstern der Bücherei verteilt, war angetrocknet und begann bereits, unangenehm zu riechen.

Ich frage mich, was er immer mit seinem Schweinsbraten hat, sagte die Poesie spöttisch.

Und dieses Mal ist ihm nicht einmal eine Nachricht eingefallen, die er uns hinterlassen konnte, fügte Euphoria hinzu. Er lässt nach!

Sämtliche Büchereimitarbeiterinnen rückten an. Die Damen, noch immer voller Eifer und höchst ermutigt vom gerade so großartig organisierten und gut besuchten Pflanzenmarkt, hatten bereits sämtliches Putzzeug parat. Die Sauerei war ruckzuck beseitigt. Und so richtig geschockt schien keine mehr davon.

Es wird langweilig, Herr Unhold, rief die Poesie, und die Bibliothekarinnen kicherten zustimmend. Lassen Sie sich etwas Besseres einfallen, um uns zu ärgern! Wir jedenfalls haben anderes zu tun, als uns von Ihnen aus der Bahn werfen zu lassen. Zum Beispiel werden wir nun vor allem diese höchst erfolgreiche und florierende Bücherei weiter voranbringen!

Ob besagter Unhold das hören konnte oder nicht, es musste einmal gesagt sein.

Und damit wurde nun beschlossen, schlicht Ruhe zu bewahren und einfach weiterzumachen wie bisher. Den Taten des Störenfrieds sollte so wenig Aufmerksamkeit wie möglich geschenkt werden.

Aber auch dahinter steckte, wie wohl zu ahnen ist, ein weiterer ausgeklügelter Plan, den die Poesie und die Bibliothekarinnen professionell bis ins Detail ausgearbeitet hatten.

17. Kapitel

Der Ärger des Unbekannten äußerte sich erneut überraschend und unerhört. Die Poesie war zwar nicht ungerührt, winkte jedoch schnell ab: Heute ist der legendäre, beliebte, unfassbar großartige Pflanzenmarkt der Bücherei Kirchstetten! Von 10 Uhr bis 16 Uhr beim Schloss Totzenbach. Mit Pflanzen zum Tauschen oder zum Kaufen. Und Kaffee und Kuchen. Wir wollen Dinge wachsen sehen! Da werden wir uns doch wohl von diesem Giftknilch nicht dazwischenfunken lassen…

Und mit diesen Worten zog die Poesie die Gartenhandschuhe an, setzte den Sonnenhut auf, schulterte den Spaten und ging.

Ich ermittle nächste Woche weiter, rief sie noch.

Sie hinterließ nur eine Blütenstaubwolke, die sich langsam auf die Sauerei legte, die der Unbekannte dieses Mal hinterlassen hatte. Aber dazu, wie die Poesie ja sagte: Nächste Woche mehr.

16. Kapitel

Eine gut funktionierende Software ist für eine moderne Bücherei essentiell, sagte die Poesie. Ohne Handbuch aber ist jedes noch so ausgeklügelte System nutzlos.

Die Poesie hing am Telefon und telefonierte mit der Softwarefirma.

Nicht mehr vorrätig sagen Sie? Die Poesie zwinkerte Euphoria nun verstohlen zu. Ja, was machen wir denn da? Wir waren doch so zufrieden mit Ihrem Produkt, und als langjährige Kundinnen…ah, was sagen Sie da? Eine neuere Version? Schneller? Kompakter? Dynamischer? Noch nicht auf dem Markt? Schade, da müssen wir uns wohl doch bei einer anderen Firma umschauen…Was? Achso, zum Testen, als Entschädigung, wäre das möglich? Kostenlos im ersten Jahr? Treuebonus? Das klingt ja schon anders. Ja, schicken Sie uns Ihren Techniker, der soll uns das installieren!

Die Poesie legte auf und schien zufrieden. Es dauerte nur wenige Tage, bis die Bücherei Kirchstetten mit einer komplett neuen Software ausgestattet war. Der Techniker wurde von den Bibliothekarinnen mit Kaffee, Kuchen und selbstgemachtem Likör versorgt und verriet ihnen nun kauend und schlürfend die geheimen Tricks dieser neuen Software, damit sie nicht lange im neuen Handbuch nachschlagen mussten. Alles in allem war das Ganze nun zeitsparend, einfach, und für den Bibliotheksalltag eine enorm hilfreiche Verbesserung.

Euphoria klatschte in die Hände vor Begeisterung und rührte gleich die Werbetrommel: Wir sind neu aufgestellt! Jetzt noch flotter, unkomplizierter, persönlicher und zuverlässiger! Kommt und stöbert! Der Technik sei ausnahmsweise einmal Dank!!

In den darauffolgenden Wochen war in der Bücherei mehr Betrieb denn je. Denn Recherche und Verleih waren durch das neue Programm nicht nur beschleunigt, sondern konnten auch verfeinert und kundenfreundlicher gestaltet werden. Es sprach sich schnell herum, dass der Service in der Bücherei nun doppelt unschlagbar war. Die Kirchstettnerinnen und Kirchstettner rannten den Bibliothekarinnen fast buchstäblich die Bude ein.

Das wird ihn ärgern, sagte die Poesie.

Und sie sollte recht behalten.

15. Kapitel

Das Entsetzen stand dem Mann noch ins Gesicht geschrieben, als die Poesie und ihre Kolleginnen die Garage betraten. In der linken Hand hielt er eine Art kleine, schmutzige Kugel. In der rechten Hand hielt er einen langen Schraubenzieher und fummelte damit verzweifelt im Auspuff seines alten Mopeds herum.

Das krieg ich doch nie wieder alles raus, fluchte er, und beachtete die Damen kaum. Das Ding kann ich austauschen! Und finde das mal original! Das ist 30 Jahre alt! Ein Liebhaberstück! Ein Unikat! Das ist – das ist alles – eine Katastrophe!!

Die Poesie trat an den verzweifelten Herrn heran und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter: Darf ich das mal genauer betrachten, fragte sie und deutete auf den schmutzig schwarzen Ball.

Sicher, ich will es nicht mehr sehen! Fluchte der Mann und fummelte weiter mit dem Schraubenzieher im Auspuff.

Die Poesie nahm den kleinen Ball entgegen und faltete ihn auf. Er entpuppte sich als ein fest zusammengeknülltes Stück Papier, das jemand in den Auspuff des Mopeds gesteckt haben musste. Anscheinend steckte da noch mehr Papier drin, denn mit dem Schraubenzieher zog der Mann nun weitere kleine Fetzen heraus.

Halt dich fest, sagt die Poesie und reichte Euphoria das schmutzige Papier.

Euphoria musste sich tatsächlich auf dem Sitz des Mopeds abstützen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, was den ohnehin sehr aufgebrachten Mann nicht besser stimmte. Schon wollte er anheben, etwas zu sagen, doch als er in Euphorias blasses Gesicht blickte, winkte er ab und fummelte stumm weiter mit seinem Schraubenzieher im Auspuff.

Euphoria schloss die Augen und blieb reglos, mit einer Hand auf den Mopedsitz gestützt, stehen.

Alle schwiegen.

Bei dem schmutzigen Papier, das Euphoria noch immer in der anderen Hand hielt, handelte es sich defintiv um Seite 1 des Bibliothekssoftwarehandbuches der Bücherei Kirchstetten.

Es ließ hier anscheinend also nicht nur jemand Bücher verschwinden. Es schien hier jemand die tägliche Arbeit der Bibliothekarinnen sabotieren oder mindestens erschweren zu wollen.

Jetzt hat er den größten Fehler überhaupt gemacht, grinste die Poesie.

Wie kannst du so heiter sein? Rief Euphoria entrüstet. Unser Handbuch, die Software – wir sind aufgeschmissen ohne das!

Sind wir nicht, beruhigte die Poesie. Im Gegenteil! Ich habe einen Plan…

14. Kapitel

Amanda Gormans „The Hill We Climb“ wurde umgehend wieder auf das Nachtkastel gelegt. Die Dame wirkte beruhigt.

Dürfen wir uns ein wenig umschauen? Fragte die Poesie.

Sicher, na klar, aber nicht wundern, sagte die Dame: Es ist nicht gesaugt und nicht gewischt! Seit ich in der Bücherei eingeschrieben bin, bin ich im Haushalt etwas nachlässig geworden. Ich denke mir aber, ein paar Staubflusen mehr, das ist doch wirklich kein Weltuntergang. Und dafür hab ich schon fast alle Bücher von Margaret Atwood durch! Außerdem hat es den positiven Effekt, dass nun mein Mann ab und zu ein wenig zu putzen beginnt…

Uns stört kein Staub und kein Schmutz, winkte die Poesie ab und spazierte mit Euphoria durch die Räume.

Nichts schien ungewöhnlich oder verdächtig zu sein. Euphoria und die Poesie standen bereits wieder in der Haustür, um sich zu verabschieden, als aus der Garage nebenan ein lautes Fluchen und Wutschnauben drang.

Das ist mein Mann, beschwichtigte die Dame des Hauses zuerst. Der ärgert sich sicher nur wieder über eine festsitzende Schraube an seinem alten Moped.

Doch sie hatte den Satz kaum beendet, da drang ein gellender Schrei aus der Garage. Es war kein Schmerzensschrei, der von einer Verletzung herrührte. Es war definitiv ein Schrei des blanken Entsetzens.

13. Kapitel

Jetzt schlägt‘s 13, rief die Poesie.

Ihr Bleistift glühte und zischte, als sie damit gekonnt Amanda Gormans „The Hill We Climb“ aus dem Regal fischte und in ihren Händen landen ließ. Ein Zettel ragte aus dem Buch, die Poesie zeigte sich wenig verwundert: Eine alte Rechnung aus dem ALT WIEN.

Seht euch das an, rief die Poesie und wedelte mit dem Zettel in der Luft: Dieser Unhold! Dieser Haderlump! Dieser – ich verbiete mir, es zu sagen!

Auf dem Zettel waren deutlich zwei Wörter zu erkennen, die jemand – natürlich mit roter Farbe – auf die Rückseite gekritzelt hatte. Euphoria nahm den Zettel aus der Hand der wütenden Poesie und las: Präpotente Göre.

Auch Euphoria blieb der Mund offen stehen ob dieser bodenlosen Unverschämtheit.

Nur um auszuschließen, dass jemand von unseren normalen Leserinnen oder Lesern es war, sagte sie, ich schaue nach, wer das Buch zuletzt entliehen hatte.

Euphoria hatte mit zwei Mausklicks alle Infos und wählte auf ihrem Smartphone auch schon die Nummer der betreffenden Dame.

Gut, dass du nachfragst, hallte es aus dem Hörer. Ich hatte mich schon gewundert – dachte schon, ich bin verrückt, berichtete die Dame. Das Buch lag auf meinem Nachtkastel. Und gestern morgen war es plötzlich einfach weg! Ich hatte schon meinen Mann verdächtigt, der verräumt mir gerne mal was. Aber an mein Nachtkastel traut er sich eigentlich nicht, seit wir getrennte Betten haben. Wegen dem Schnarchen. Und mit Büchern hat er sowieso nicht viel am Hut. Ich glaubte ihm also, dass er damit nichts zu tun hat. Dann habe ich an mir selbst gezweifelt – ob ich es selbst zurückgebracht habe? Aber ich bin sicher, ich war doch diese Woche noch gar nicht in der Bücherei! Das hätte ich mir doch gemerkt! Da wäre ich doch jetzt viel entspannter!

Nur die Ruhe, beschwichtigte Euphoria. Ist dir sonst etwas aufgefallen? War etwas ungewöhnlich bei dir zu Hause?

Die Dame überlegte. Dann hustete sie: Jetzt fällt mir schon was ein. Auch hier hatte ich meinen Mann verdächtigt. Aber vielleicht ist er doch nicht an allem schuld…also gestern, als ich aufstand, da roch es in der Küche nach Zigarrenqualm. Ich bin ganz sicher. Mein Mann hat das Rauchen vor Jahren eigentlich aufgehört, Zigarren hat er nie angerührt. Ich dachte kurz, na gut, vielleicht eine Art Midlife-Krise, das kann ja bei Männern in dem Alter mal vorkommen. Aber wenn ich es mir recht überlege – in Krisen neigt er meist eher dazu, übertrieben viel an seinem rostigen Moped herumzuschrauben. Zigarren passen irgendwie nicht zu ihm…

Das genügt! Rief die Poesie aus dem Hintergrund. Wir kommen vorbei und schauen, ob es weitere Spuren gibt. Und Amanda Gorman bringen wir dir wieder mit. Sie darf von keinem Nachtkastel der Welt frühzeitig verschwinden!

12. Kapitel

Euphoria schlug als erste die Augen wieder auf.

Das kenne ich doch…dachte sie, noch etwas schlaftrunken. Und die Stimme dazu, die auch, aber – wem gehört die bloß?

Euphoria blickte sich um, dann sah sie, wem diese Stimme gehörte, die, nicht ohne Routine, wie es schien, aus Virginia Woolfs „Orlando“ vortrug.

Nun rappelte sich auch, Euphoria glaubte es noch kaum, die Poesie auf, rieb sich die Augen, drehte den Kopf, als müsse sie ihn erst wieder einrenken, und blickte dann ebenfalls zu dem unerwarteten Vorleser.

Guten Tag Herr Doktor, sagte die Poesie zu dem noch immer sehr inbrünstig vorlesenden Kirchstettner Arzt. Wie lange habe ich geschlafen?

Der Arzt unterbrach und schien erleichtert, als er Euphoria und die Poesie nun, auf der Stelle wieder hellwach wie gewohnt, auf dem Sofa sitzen sah.

Ungewöhnlich lange, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Ich bin froh, dass Virginia Woolf tatsächlich gewirkt hat und nun alle wieder bei Sinnen sind. Sagte der Arzt und legte das Buch zur Seite.

Wenn es nach mir ginge, könnten Sie ruhig noch etwas daraus lesen, sagte die Poesie. Aber ich habe da leider etwas sehr Unangenehmes geträumt, bzw. ich nehme an, es war kein Traum. Denn ich bin ansich keine Träumerin. Ich bin meist sehr fest in der Realität verankert. Auch im Schlaf…

Denkst du an eine kolossale Nervensäge, die in unserer Bücherei ihr Unwesen trieb? Fragte Euphoria, die sich nun ebenfalls zu erinnern schien.

Leider ja, sagte die Poesie. Und wenn ich mich richtig entsinne, gab es auch anderswo in Kirchstetten zuletzt Vorkommnisse, die nicht gerade erfreulich gewesen sind.

Hier mischte sich der Arzt nochmal ein: Wollen wir nicht erst in Ruhe zu uns kommen? Ich würde gern kurz ein paar Nachuntersuchungen durchführen. Nur zur Sicherheit.

Klar, sagte die Poesie, aber bitte rasch. Ich habe das Gefühl, wir haben viel Zeit verloren durch diesen lästigen Schlaf.

Der Arzt untersuchte die beiden frisch Erwachten zügig und fragte dann zielstrebig: Wie oft habt ihr Dornröschen gelesen?

Euphoria seufzte: Zu oft, vermutlich…

Ja, bestätigte der Arzt. Das vermute ich auch. Nichts gegen Märchen, aber mit manchen sollte man vorsichtig oder zumindest kritisch sein. Also nicht mehr zu viele davon in Zukunft! Nur noch in gesunden Dosierungen! Und Obacht vor Märchen, in denen Frauen in tiefen Schlaf manövriert und damit außer Gefecht gesetzt werden. Das kann wirken wie K.O.-Tropfen!

Für Märchen, warf die Poesie ein, haben wir jetzt ohnehin keine Zeit mehr! Mir fällt da gerade etwas auf…fragt nicht – ihr wollt es nicht wissen!

Und damit sprang die Poesie auf, zückte ihren Bleistift und steckte damit auf Anhieb wieder voll und ganz in ihren Ermittlungen.

11. Kapitel

Was sollen wir bloß tun? Rief der besorgte Bürgermeister.

Ich muss nun ersteinmal zur Ruhe kommen, schluchzte die Poesie. Neue Kräfte sammeln. Das geht am besten in der Bücherei.

Ohne Zögern trug der Bürgermeister persönlich die geschwächte Poesie in die Bücherei und legte sie auf das Sofa. Euphoria kochte sofort einen starken Kaffee, stellte auch ein Stamperl Hagebuttenschnaps und Wurstbrote dazu – doch die Poesie winkte nur müde ab, schloss die Augen, lies den Kopf in die bunten Polster sinken und schlief ein.

Tage später schlief sie noch immer. Sie schlief während der Öffnungszeiten, wenn Besucherinnen und Besucher rücksichtsvoll so lautlos wie möglich um sie herumschlichen. Sie schlief, wenn Euphoria oder die anderen Mitarbeiterinnen über der Büroarbeit saßen oder katalogisierten und rücksortierten. Die Poesie schlief so tief, dass nach einer Woche der Kirchstettner Arzt gerufen wurde, um festzustellen, ob es sich um normalen Schlaf handelte oder schon um eine Art Koma.

Der Arzt untersuchte die leise schnarchende Poesie, die dabei zwar kurz murrte, die Augen jedoch geschlossen hielt.

Alles soweit in Ordnung, stellte der Arzt beruhigt fest. Herzschlag und Puls normal, Blutdruck unauffällig, Atem gleichmäßig. Ein ganz gewöhnlicher, wenn auch sehr tiefer Schlaf, würde ich sagen.

Aber das kann doch nicht sein, grübelte Euphoria. So lange…

Sie wird vermutlich in ihrem Leben sehr oft Dornröschen gelesen haben, wandte der Arzt ein.

Aber wir müssen doch jetzt wohl nicht auf einen lahmen Prinzen warten, der sie wachküsst??

Euphoria bekam Panik: Wir haben einen dringenden Fall aufzuklären! Wir können nicht warten, schon gar nicht auf so einen dahergelaufenen Jüngling, von dem keiner weiß, wie zuverlässig er überhaupt gut küssen kann…!

Keine Sorge, sagte der Arzt, ich habe da eine Idee.

Und damit verabschiedete er sich.

Euphoria blieb neben der noch immer schnarchenden Poesie zurück und wirkte jetzt, was nur sehr selten vorkam, mutlos. Ein scheinbar Irrer bedrohte die Bücherei. Massenhaft Buchseiten wurden lieblos am Bauhof entsorgt. Und nun hatte die Poesie nicht nur die Nerven weggeschmissen, sondern war auch noch in einen Dornröschenschlaf gefallen. Das war einfach zu viel!

Euphoria quetschte sich neben die Poesie auf das Sofa, stürzte das letzte Stamperl Hagebuttenschnaps hinunter, das sie noch am Nachmittag, wie schon fast zur Routine geworden war, für die Poesie bereitgestellt hatte, falls diese doch kurz erwachen sollte – und fiel auf der Stelle ebenfalls in einen tiefen, bisher nicht gekannten Schlaf.

10. Kapitel

Die Poesie fischte ein zusammengeknülltes Stück Papier aus dem Container und faltete es auf. Es war eine Seite aus einem Buch.

Jane Austen, rief sie empört.

Sie fischte eine weiteren Papierball heraus und faltete ihn auf: Margaret Atwood!

Einen dritten Ball wagte die Poesie noch zu öffnen und strich die Buchseite glatt, so gut es ging: Heinrich Böll.

Puh, seufzte die Poesie, nur halb erleichtert. Zumindest nicht nur Frauen…aber eine sagenhafte Unverschämtheit ist es allemal!

Ich eile in die Bücherei und finde heraus, ob die Seiten dort fehlen, rief Euphoria und ließ nur eine Staubwolke zurück.

Die Poesie machte sich derweil, gemeinsam mit dem Bürgermeister und den Mitarbeitern des Bauhofes, ans Aufräumen. Nicht nur der Altpapiercontainer war randvoll. Auch rings um ihn herum lagen zerknüllte Buchseiten.

Anfangs noch voller Eifer, begann die Poesie bald leise, und dann immer lauter zu schluchzen.

Die Männer hielten inne und wirkten ratlos. Eine schluchzende Poesie – das hatten sie bis jetzt nicht erlebt. Die Poesie, die schon lange in Kirchstetten lebte, war stets schlagfertig, voller Humor, Tatkraft und meist mit einem Lächeln um die Mundwinkel anzutreffen gewesen. Auch wenn es ernste Dinge zu besprechen gegeben hatte – und dazu hatte der Kirchstettner Bürgermeister regelmäßig die Poesie zu Rate gezogen. Man befand sich immerhin in einer Dichtergemeinde. W. H. Auden hatte hier gelebt. Die Poesie zählte hier zu den wichtigsten und einflussreichsten Instanzen und hatte es bisher immer verstanden, Krisen innovativ und mit einer gewissen Portion Schmäh zu lösen. Aber nun! Schluchzte sie! Sank zu Boden und begann, jämmerlich, zu weinen!

Aber was ist denn, stotterte der Bürgermeister. Wie können wir –

Die Poesie winkte ab: Ach, schluchzte sie. Es ist einfach zu viel. Ich halte was aus, ich bin nicht zimperlich und alles andere als zart besaitet – aber DAS HIER…

In diesem Moment läutete das Telefon des Bürgermeisters. Er hob ab und seine Gesichtszüge erhellten sich sofort.

Alles klar, danke, sagte er und legte auf.

Gute Nachrichten, wandte er sich nun in die Runde. Die Buchseiten stammen nicht aus unserer Bücherei!

Die Poesie richtete sich kurz auf, dachte einen kurzen Moment nach, weinte dann aber sofort weiter und winkte noch einmal ab.

Trotzdem, schluchzte sie. Dieser – ach, nein, lassen wir das. Es ist einfach FÜRCHTERLICH!

Und damit sank die Poesie wieder in sich zusammen und weinte bitterlich.

Der Bürgermeister und die Bauhofmitarbeiter machten ernste Gesichter. Sie hatten nun gleich zwei gröbere Probleme: Einen Unbekannten, der Kirchstettens Bücherei und mittlerweile auch den Bauhof terrorisierte. Und die Tatsache, dass die Poesie, Kirchstettens bisher stärkstes Glied – anscheinend die Nerven wegschmiss.

9. Kapitel

Mit einer routinierten Bewegung warf die Poesie ihren Bleistift gezielt gegen den Rauchmelder und schaltete den ohrenbetäubenden Pfeifton so aus. Doch der Bürgermeister, der in seinem nicht weit entfernt gelegenen Büro noch über einigen Akten gebrütet hatte, stand, von dem nicht zu überhörenden Alarm angelockt, bereits in der Büchereitür.

Bitte lesen, sagte die Poesie, bevor er etwas sagen konnte, und hielt ihm den Zettel unter die Nase.

Großinvestor sucht zentral gelegene Räumlichkeiten für private Zwecke – bevorzugt überflüssige öffentliche Bibliotheken (mal ehrlich, diese Staubfänger unter den öffentlichen Einrichtungen werfen ja doch nichts ab und sind wohl eher zur Dekoration).

Ich zahle ausgesprochen gut und werde Ihrer Gemeinde keinen Ärger machen!

Sprechen wir darüber! 0043-671-345678

Hat der sich bei Dir schon gemeldet? Fragte die Poesie.

Nein, sagte der Bürgermeister, aber wir können ihn ja gleich anrufen und ihm mitteilen, dass er in Kirchstetten falsch ist!

Der Bürgermeister, der ein großer Freund öffentlicher Büchereien war, zückte sein Telefon und wählte die Nummer.

Nicht vergeben! Rief er nach wenigen Augenblicken.

Aha, sagte die Poesie. Ich hatte es mir fast gedacht – er will uns nur provozieren.

Keine Sorge, erwiderte der Bürgermeister, der kann uns nichts. Unsere Bücherei bleibt, und wenn jemand glaubt, Ärger machen zu müssen, dann soll er das tun, bis es ihm fad wird.

Ich fürchte, dem wird es nicht so schnell fad, grübelte die Poesie.

Kassandra warf ein: Ich kenne solche Typen. Der wird nicht locker lassen, bevor Troja niedergerbannt ist!

Wir sollten auf Kassandras Wort hören, bestätigte die Poesie. Wie ich den Täter mittlerweile einschätze, wird der „Ärger“, den er macht, eher zunehmen und größer werden.

Die Poesie hatte den Satz kaum beendet, da klingelte das Telefon des Bürgermeisters.

Wie bitte? Rief er, nachdem die Stimme am anderen Ende den ersten Satz gesagt hatte. Wir kommen!! Und damit legte er auf.

Am Bauhof hat jemand illegal den Altpapiercontainer zum Überlaufen gebracht, stotterte der nun sichtlich beunruhigte Bürgermeister. Was glaubt ihr, womit wohl?!!?