Die Poesie goss den beiden blass gewordenen Kellnern des ALT WIEN ersteinmal je ein Stamperl Hagebuttenschnaps ein. Dann zückte sie ihren Bleistift und ließ die beiden rasten und sich von ihrem Schreck erholen. Die Bibliothekarinnen aus Kirchstetten übernahmen unterdessen, flexibel, wie sie waren, kurzerhand Bar- und Servicebetrieb, denn das Mittagsgeschäft war ja noch immer in vollem Gange.

Die Poesie ging zielstrebig zur Herrentoilette und untersuchte mit ihrem Bleistift erneut per Kratzprobe die Schrift auf dem Spiegel.

Wusste ich es doch, murmelte sie. Definitiv kein Lippenstift – wäre auf der Herrentoilette ja auch noch verwunderlicher, als es eh schon ist.

Die Poesie kehrte zurück zu den Kellnern, die langsam wieder Farbe in die Gesichter bekamen und vernehmungsfähig schienen.

Was hat es mit diesem Schmierfink auf sich? Er hat übrigens mit roter Fingerfarbe gearbeitet. Kam das öfter vor?

Eine Zeitlang täglich, gab der eine Kellner mit noch immer leicht zitternder Stimme an.

Er hat uns fast in den Wahnsinn getrieben, rief der andere. Täglich hinterließ er einen Spruch, irgendwo im Lokal, manchmal auch auf den Fensterscheiben. Schräge Sprüche waren das…und nie hat ihn jemand zu Gesicht bekommen! Obwohl die Sprüche immer während der Öffnungszeiten auftauchten, bei vollem Betrieb! Er hat hier täglich für Aufruhr gesorgt.

Habt ihr die Sprüche notiert? Fragte die Poesie.

Nein. Wir waren immer sehr bedacht darauf, sie schnell verschwinden zu lassen. Aber ich weiß noch, dass ich mit keinem Spruch wirklich etwas anfangen konnte. Meinte der eine Kellner.

Der andere warf ein: Ja, oder was soll man davon halten: Wien ist nicht Venedig, geht aber trotzdem unter. Oder: Aller guten Dinge sind Brei. Oder: Die Kruste wird im Allgemeinen überbewertet.

Die Poesie schrieb mit. Beim letzten Spruch hielt sie inne: Das ist doch schon wieder aus „Herr Lehmann“, rief sie, und sie schien wenig überrascht.

Und euch ist wirklich nie jemand aufgefallen? Der düstere Bernhard-Leser am Fenster, kann der damit zu tun haben?

Die Kellner dachten angestrengt nach.

Vielleicht, stammelte der eine, vielleicht auch nicht. Da war der ja immer, und er schien am wenigsten gerührt von den Sprüchen, während alle anderen Gäste sich meist bogen vor Lachen, zu Grübeln begannen oder entsetzt das Lokal verließen, wenn ein neuer Spruch wie aus dem Nichts auftauchte. Aber wir schrieben das immer seinem allgemein ungusteligen, abweisenden Wesen zu…

Ok, Jungs, sagte die Poesie. Ich werde wiederkommen und hier weiter ermitteln. Wenn ihr jetzt wieder fit seit, würde ich euch aber bitten, mir die Mädels aus Kirchstetten wieder abzulösen. Wir müssen dringen zurück. Ich habe so ein komisches Bauchgefühl…

Wenig später saßen die Bibliothekarinnen und die Poesie wieder im Zug nach Kirchstetten. Die Poesie schien schweigsam. Sie wackelte etwas nervös mit ihrem Bleistift, der tatsächlich an der Spitze leicht glühte.

In Kirchstetten angekomnen, sagte sie: Bevor wir alle nach Hause gehen, schauen wir nochmal kurz in die Bücherei, nur zur Sicherheit…

Der Betriebsausflug war bis hierhin schon außergewöhnlich und aufregend gewesen. Sein Ende aber übertraf alles, was man an einem einzigen Tag erwarten konnte. Als Leiterin Euphoria die Büchereitür aufsperrte und die Bibliothekarinnen samt Poesie eintraten, blieben ihnen reihum die Münder offen stehen und es herrschte, was selten unter ihnen vorkam, betretenes Schweigen: Auf der Ausleihe lag der Stapel an Büchern über den Untergang des römischen Reiches, die unlängst verschwunden waren. Zuoberst stand eine Servierplatte mit Resten eines Schweinebratens, Soße und einem Messer. Der Braten selbst hing, in grobe Scheiben geschnitten, an dem großén Ast über dem Sofa, der ansonsten mit zur Jahreszeit passender, filigraner Papierdeko geschmückt war. Hier und da tropfte noch Fett und Soße herunter. Auf der Tischplatte beim Sofa stand mit roter Fingerfarbe, teilweise mit Soße und Fett verschmiert, geschrieben: Man kann auch an zu viel Braten/Büchern zu Grunde gehen. Siehe Rom.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s