Betriebsausflug!

Die Büchereimitarbeiterinnen trauten reihum ihren Augen nicht, als sie dieses Wort in einer Eilnachricht von Büchereileiterin Euphoria auf ihren Smartphones lasen. Lange hatten sie einen solchen schon unternehmen wollen, nie war Zeit gewesen, immer hatte es dringendere Angelegenheiten gegeben. Nun hatte die Poesie zur Eile gemahnt: Ein Ausflug ins ALT WIEN, oder, besser gesagt, eine Recherchereise zur Unterstützung der laufenden Ermittlungen sei ratsam, meinte sie. Bestenfalls gemeinsam, denn 10 Augenpaare würden mehr sehen und 10 Ohrenpaare mehr hören als nur eines oder zwei.

Das ließen die Damen sich nun nicht zweimal sagen. Tags darauf saßen sie im Zug von Kirchstetten nach Wien. Die Poesie hatte Kaffee in einer Thermoskanne und genügend Becher mit. Sie schenkte eifrig aus. Dabei wurde die Vorgehensweise in Wien besprochen.

Wir werden ganz normale Gäste sein, sagte die Poesie. Wir bestellen Schnitzel und Bier oder was immer man in Wien so zu Mittag zu sich nimmt. Jedenfalls werden wir verweilen. Ganz gemütlich. Mich kennen die Kellner, ich werde mich ein wenig zu ihnen gesellen und mich mit ihnen unterhalten, während ihr euch im Lokal umschaut und umhört. Jede Kleinigkeit, die euch auffällt, kann wichtig sein.

Und so betraten die Bibliothekarinnen aus Kirchstetten an diesem scheinbar ganz normalen Tag gegen 11:30 Uhr frohgemut und zu allen Taten bereit das ALT WIEN, nahmen am größten Tisch Platz und begannen, neben der Speisekarte so unauffällig wie möglich auch ihr Umfeld zu inspizieren.

Die Poesie unterdessen stellte sich an die Bar, wo sie schon so manch inspirierende Stunde verbracht hatte.

Ach, riefen die beiden anwesenden Kellner, du mal wieder, lange nicht gesehen!

Die Poesie verfiel mit den Kellnern in eine kurze, nette Plauderei, kam dann aber schnell zum Punkt: Der Kerl, der hier immer neben der Tür am Fenster saß, Thomas Bernhard las und dabei bösartig in die Welt schaute – kommt der noch? Wisst ihr, wer das ist?

Die Kellner schienen sofort zu wissen, von wem die Poesie sprach. Fast einstimmig riefen sie: Der! Der war lange nicht da!

Beide schienen über diese Tatsache nicht unglücklich, ja sogar erleichtert.

Keine Ahnung, wer das ist, fuhr dann einer der Kellner fort. Aber zuletzt hat er nicht mehr Bernhard gelesen. Zuletzt ließ er einen Gedichtband auf dem Tisch zurück. Hier, wir haben ihn noch in der Fundsachenkiste.

Der Kellner wühlte hinter dem Tresen herum und fand schließlich, was er gesucht hatte.

Die Poesie verschluckte sich an ihrem Mocca – der Kellner streckte ihr ein abgegriffenes, blaues Buch entgegen: W. H. Audens „Kirchstettner Gedichte“.

Die Poesie hatte sich so heftig verschluckt, dass beide Kellner ihr nun den Rücken klopfen und sie stützen mussten. Auch die Bibliothekarinnen sprangen auf und eilten gesammelt herbei. Als der Hustenanfall vorüber war und die Poesie wieder einigermaßen Luft bekam, keuchte sie: Ich habe es geahnt. Wir sind auf der richtigen Spur, aber –

und hier wurde sie von einer der Bibliothekarinnen unterbrochen. Diese warf leise und vorsichtig ein: Ich weiß nicht, ob es wichtig ist, aber während wir aßen, sagte ein junger Student am Nebentisch zu seinem Kumpel, auf der Herrentoilette habe jemand mit Lippenstift einen „coolen“ Spruch auf den Spiegel geschrieben: Wir sind hier nicht in NÖ, mein Schatz.

Nun fiel dem einen Kellner das Glas, das er gerade auf ein Tablett hatte heben wollen, dem anderen das Portemonnaie, in dem er gerade nach Wechselgeld gewühlt hatte, aus der Hand. Es klirrte und schepperte.

Der Schmierfink war wieder da! Riefen sie, wieder fast einstimmig – dieses Mal mit dem blanken Entsetzen in der Stimme.

Und scheinbar hatte wieder niemand das Kommen oder Gehen dieses sonderbaren „Schmierfinks“ bemerkt.

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