Anachronismen tummeln sich um unseren Tisch. Mit ihren Barockfrisuren und Föhnwellen, ihren Retro-Klamotten, ihrem selbstmitgebrachten Lilienporzellan, ihren Zigaretten und Likörchen, ihren Piercings in Nasen und Lippen und wer weiß wo noch, ihrem Transistorradio, aus dem Militärmärsche schallen und mit ihren Gesprächen über Bonusmeilen und Partydrogen bilden sie eine illustre Runde.

Sind sie nicht manchmal entzückend, sagt die Poesie und schaut und lauscht. Manchmal brauche ich sie um mich, sagt sie, nur eine Weile, dann wird es ihnen sowieso fad.

Die Poesie hat recht. Als die Zigarettenpackungen der Anachronismen leer sind und die Föhnwellen beginnen, langsam in sich zusammenzufallen, stehen sie auf, packen alles, was sie mitgebracht haben, in große Jutesäcke und verabschieden sich höflich: Bis zum nächsten Mal und danke für die Gastfreundschaft!

Sie müssen weiter, sagt die Poesie, ich beneide sie nicht. Sie gehören nirgendwo mehr hin. Und sie können nichts zurücklassen, sonst lösen sie sich auf. Im Gegensatz zu ihnen haben wir es doch wirklich gut, hier und jetzt.

Wir lüften durch und lassen alles zurück, was wir hatten. Schwupp, sind wir schon wieder anderswo, anderswer und beginnen von vorn. Das geht an ein und demselben Tisch, aber nur, solange die Poesie genügend Platz daran hat.

An Tagen, an denen die Anachronismen bei uns waren, fühlen wir uns anschließend immer besonders jung und sind zu allem bereit.

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