Ein Mädchen sitzt bei uns am Tisch. Das Mädchen heißt Doris und sieht müde aus. Die Poesie hat Doris weinend auf einer Bank am Bahnhof vorgefunden und mit nach Hause genommen. Jetzt schiebt sie ihr schon das dritte Wurstbrot hin. Doris hat lange nichts gegessen.

Ich muss gleich weiter nach Berlin, sagt Doris, ich bin das kunstseidene Mädchen, ich muss fliehen, ich muss einen Mann und mein Glück finden.

Fahr nicht nach Berlin, sagt die Poesie und schiebt Doris noch ein Schmalzbrot hin. Komm mit uns in die Bücherei.

Doris ist skeptisch, kommt aber mit. Die Regale sind einladend. Sie legt sich in die Belletristik, streckt und reckt sich und schläft ein. Sie wird jetzt ersteinmal Kraft sammeln. Fliehen muss von hier aus niemand. Und Berlin kann warten.

(Bücherei Kirchstetten, heute geöffnet von 15 bis 19 Uhr. Aber psssst, Irmgard Keuns kunstseidenes Mädchen ruht sich dort aus!)

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