Eine Sonntagszeitung sitzt mir gegenüber, dahinter die Poesie. Sie rührt mit einer Schere in ihrem Kaffee und seufzt nur hin und wieder. Dann lässt sie die Zeitung sinken. Sie bittet mich um Kleber und weißes Papier und beginnt, einzelne Buchstaben aus der Sonntagszeitung zu schneiden. Ich ahne, das wird wieder ein Erpresserbrief. Die Poesie verfasst öfter Erpresserbriefe. Sie fordert aber niemals Geld. Sie entführt auch niemanden oder lässt sich auf andere kriminelle Machenschaften ein. Ihre Briefe sind niemals an Personen gerichtet, die damit wohl überfordert wären. Die Erpresserbriefe der Poesie richten sich stets an den Tag, an dem sie entstehen. Und es wird nichts gefordert, als dass die Wörter, die diesen Tag beschreiben, sich anders sortieren mögen, als es in der Zeitung steht. Dass sie sich in ihre Einzelteile auflösen, durcheinandergewirbelt werden, sich aufbäumen, fliegen, biegen, brechen und neu zusammensetzen. Dass sie vielleicht keinen Sinn mehr ergeben. Dafür aber Bewegung.

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