Hundertdreiundsechzigste Tasse

Ein Rasenmähroboter trägt die Kaffee trinkende Poesie durch den Garten. Gemächlich zuckelt er seine Runden, bis die Poesie das Steuer übernimmt. Der Rasenmähroboter verlässt den Rasen, trägt die Poesie die Straße hinunter, und weiter, die beiden werden kleiner, bald kann ich sie nicht mehr sehen. Sie werden wohl länger unterwegs sein. Vielleicht nehmen sie sich ein Hotel in der Stadt.

Hundertzweiundsechzigste Tasse

Die Poesie unterhält sich mit einer Grille. Es geht um die Rolle öffentlicher Bibliotheken bei Ausbau und Stärkung der Zivilgesellschaft. Die beiden nehmen kein Blatt vor den Mund und werden recht laut. Die Unterhaltung ist weithin zu hören.

(Die Unterhaltung wird aufgezeichnet und ist heute am Nachmittag zwischen 15 und 19 Uhr in der Bücherei Kirchstetten nachzuhören. Poesie und Grille stehen für Fragen zur Verfügung.)

Hundertsechzigste Tasse

Heute trinken wir unseren Kaffee in einer Taverne in Grado. Wir sind nicht hingefahren, wir haben uns hingedacht. Die Poesie hat von italienischem Kaffee und salziger Luft geträumt, schon waren wir da. Wir sitzen in einem schattigen Hinterhof zwischen alten Mauern, die Poesie streichelt eine Eidechse, wir bestellen Wein zum Kaffee. Ich werfe der Poesie Oliven zu, sie fängt sie mit dem Mund. Das Meer ist nicht weit. Wir bleiben noch eine Weile sitzen, dann denken wir weiter.

Hundertneunundfünfzigste Tasse

Es ächzt im Gebälk. Leise, aber in einem fort. Wir untersuchen das Gebälk auf Holzwurmspuren, werden aber nicht fündig. Es stürmt nicht, die Erdplatte, auf der wir hausen, rührt sich momentan nicht vom Fleck. Das Ächzen muss einen anderen Grund haben. Die Poesie holt ihr Tonbandgerät und nimmt es auf. Für stillere Tage, sagt sie. Auf Vorrat.

(Später haben wir herausgefunden: In der Bücherei wurden schwere Bücher gewälzt. Das hat wohl zu weitreichenden Vibrationen geführt.)

Hundertachtundfünfzigste Tasse

Guten Tag, meine Damen und Herren, sagt die Poesie. Sie sagt: Heute mache ich es offiziell! Ich bin kein Subjekt und kein Objekt, ich bin ein Prädikat. Bitte nachschlagen, was das ist, falls jemand es vergessen hat. Ich bin in Bewegung. Unauffällig, aber essentiell. Ich bin die Kniekehle im Satz, manchmal auch der kleine Zeh. Ich trage keinen Hut und keine Haube, meist auch keine Unterwäsche. Ich lege keinen Wert auf Anstand und Sitte, ich folge anderen Regeln. Meine Regeln wachsen zwischen dem gepflegten Rasen hervor und überwuchern ihn schließlich, aber nie mit böser Absicht. Ich habe keine Absichten, außer die Ohrläppchen der Welt ins Schwingen zu bringen. Jede kleinste Regung zählt. Manchmal kneife ich auch, ganz leicht. Und oft genug mich selbst, um zu prüfen, ob ich noch da bin. Ich sage heute: Ich bin sowas von da! Ich bin das blühende Leben. Ich muss nicht klotzen, ich kleckere. Großflächig, nachhaltig, sichtbar. Schwupps.

Die Poesie beendet ihre Ansprache und kleckert großflächig. Ich denke zuerst, es seien nur Kaffeeflecken. Aber sie lassen sich nicht wegwischen. Sie sind erstaunlich resistent.

Hundertsiebenundfünfzigste Tasse

Das Centre Pompidou steht auf unserem Küchentisch. Die Poesie hat eine winzige Außenstelle eröffnet. So winzig, dass man nicht hineingehen kann. Es ist aber alles drin, was in Paris drin ist, sagt die Poesie.

Sie sagt es mit großer Überzeugung. Ich kann es mir gut vorstellen. Wir trinken schnell unseren Kaffee aus, dann beginnen wir den Rundgang.

Hundertsechsundfünfzigste Tasse

Wir trinken Kaffee im Bauch des Trojanischen Pferdes. Jemand schiebt von außen an. Wir haben keine kriegerischen Absichten, wir möchten uns nur irgendwo hinschieben lassen, wo wir sonst nicht hingekommen wären. Ich bin gespannt, wie Troja von innen ausschaut, sagt die Poesie.

Als das Pferd zum Stillstand kommt, öffnet die Poesie die Luke. Sie streckt ihren Kopf ins Freie, zieht ihn aber gleich wieder ein. Es brennt längst, sagt sie. Wir bleiben drinnen.

Wir trinken Kaffee im Bauch des Trojanischen Pferdes. Wir haben keine kriegerischen Absichten. Wir haben etwas zu Lesen dabei. Wir hoffen, dass jemand das Pferd bald weiterschiebt. Feuerfest ist es nämlich nicht. Die Poesie bastelt zur Sicherheit schon an einem Motor. Der soll das Tier dann fortbewegen. Und uns darin mit.

Aus aktuellem Anlass

In Gedenken an Friederike Mayröcker (20.12.1924 bis 04.06.2021) gibt es in der Bücherei Kirchstetten heute gebratene Worte. Wer möchte, erscheine bitte in Moosgrün. Außerdem sind heute ausnahmsweise Schwalben auszuborgen. Sie müssen nicht zurückgegeben werden. Sie sollen ausschwirren, von Dach zu Dach segeln und über sämtlichen Innenhöfen kreisen, ein paar Zeilen Mayröcker im Schnabel. Zum Beispiel:

https://www.lyrikline.org/de/gedichte/bin-jetzt-mehr-canaillen-stimmung-62