Dreihunderterste Tasse

Ein Automat sitzt mir gegenüber und klappert und rattert. Hans Magnus Enzensberger hat ihn hingestellt, dahinter versteckt sich die Poesie.

Herrlich, ruft sie aus ihrem Versteck, heute muss ich keinen Finger rühren, der Automat übernimmt alles!

Die Poesie hält das Nichtstun aber nicht lange aus. Bald schon sitzt sie auf dem Automat und dreht mit an den Buchstaben, tauscht Wörter aus, steckt ihre Finger ins Getriebe, bis der Automat klemmt, zu rauchen beginnt, die Sicherung fliegt.

Verzeihen sie, sagt die Poesie zu Hans Magnus Enensberger. Ich baue ihnen einen neuen!

Hans Magnus Enzensberger schweigt. Die Poesie setzt sich auf seine Schulter. Sie gehen so eine Runde gemeinsam spazieren. Vermutlich werden sie erst nach Einbruch der Dunkelheit zurückkehren. Heute wird es also keinen neuen Poesieautomaten mehr geben. Macht aber nichts. Der alte rattert in den Köpfen noch ein wenig nach.

(Wem zu Hause der Poesieautomat ausgefallen ist, der/die kann auch die Bücherei Kirchstetten besuchen. Heute geöffnet von 9 bis 11:30 Uhr. Die Poesie setzt sich dort gern auf fremde Schultern und flüstert allerhand Unerhörtes ins Ohr.) 

Dreihundertste Tasse

Die dreihundertste Tasse Kaffee trinken wir heute im Funkhaus. Die Poesie dreht gerne an Knöpfchen und Hebelchen und funkt allerhand in die Welt hinaus.

Achtung, sagt sie ins Mikrofon, wir trinken heute die dreihundertste Tasse Kaffee, und das ist kein Grund, zu feiern, denn allzu große Feierei legt einen meist nur lahm. Das ist ein Grund, weiterzumachen. Weil es nicht um den Kaffee geht, sondern um das, was täglich dabei herauskommt. Bestenfalls auch heute wieder: Sätze. Satzbauten. Kleine Gebäude, auf die weiter aufgebaut werden kann.

Das Mikrofon war ausgeschaltet. Aber das macht nichts. Weil es nicht nur ums Funken geht. Sondern ums Sprechenkönnen. Und der Kaffee im Funkhaus jedenfalls hilft dabei sehr.

Zweihundertachtundneunzigste Tasse

So ein ganz gewöhnlicher, unüberschaubarer Montag auf dieser Welt, sagt die Poesie, ist doch einfach manchmal das Größte!

Sie steigt auf den Tisch, nimmt Schwung und springt mit einem gekonnten Köpfler in die neue Woche.

Es spritzt, ich werde nass. Die Poesie prustet: Herrlich!

Ich trockne mich nicht ab, ich lasse es tropfen. Tatsächlich bin auch ich nun richtig froh über diesen ganz gewöhnlichen, unüberschaubaren Montag.

Zweihundertsiebenundneunzigste Tasse

Die Frankfurter Buchmesse geht heute zu Ende. Die Poesie verlässt Frankfurt mit wehenden Fahnen. Die Fahnen sind: völlig weiß.

Ich muss jetzt nach Tumlingen, sagt die Poesie.

Nach der Frankfurter Buchmesse mit dem Regionalzug über Bittelbronn und Schopfloch und den Rest zu Fuß nach Tumlingen zu reisen, ist die beste Art, auch wieder weiß hinter den Ohren zu werden, sagt sie.

Also reisen wir mit dem Regionalzug über Bittelbronn und Schopfloch und den Rest zu Fuß nach Tumlingen, wo die Poesie sich zuallererst unter die Hagebutten setzt und schweigt.

(Sich von der Frankfurter Buchmesse erholen: unter Tumlinger Hagebutten oder in der Bücherei Kirchstetten. Letztere ist heute geöffnet von 10 bis 12 Uhr. Hagebutten gibt es dort für Notfälle auch.)

Zweihundertsechsundneunzigste Tasse

Das gibt es ja wohl nicht, ruft die Poesie empört. Die benutzen auf der Frankfurter Buchmesse unser Kaffeegeschirr!

Die Poesie schnappt sich die Tasse und steckt sie ein.

Wir sind doch kein Franchise Unternehmen, was glauben die denn! Schimpft sie.

Sie dreht sich auf dem Absatz um und steuert den Ausgang an. Das Kaffeegeschirr der Poesie ist nicht käuflich. Das hat der Buchmarkt noch nicht verstanden.

Die werden mich noch kennenlernen, sagt die Poesie und lässt demonstrativ ihr angebissenes Wurstbrot am Suhrkamp-Stand zurück.

Zweihundertfünfundneunzigste Tasse

Die Poesie fährt Rolltreppe auf der Frankfurter Buchmesse. Sie fährt hinauf und wieder hinunter. Hinauf und wieder hinunter. Ich reiche ihr Kaffee auf die Rolltreppe. Sie fährt weiter. Hinauf und hinunter. Zwischen ungezählten anderen Besucherinnen und Besuchern fällt sie nur dadurch auf, dass sie die Rolltreppe nicht verlässt. Als ein Journalist sie um ein Interview bittet, sagt die Poesie: Ich habe keine Zeit, ich muss weiter.

Sie lächelt, winkt und fährt weiter. Hinauf, hinunter. Bis die Rolltreppen am Abend gestoppt werden und es still wird in den Messehallen. Da setzt die Poesie sich auf die unterste Stufe und sagt: Puh, geschafft.

(Hätte die Poesie die Wahl, würde sie den Tag heute nicht auf den Rolltreppen der Frankfurter Buchmesse verbringen, sondern in der Bücherei Kirchstetten. Heute geöffnet von 15 bis 19 Uhr.)

Zweihundertvierundneunzigste Tasse

Ein Staubwedel und Wattekügelchen liegen auf dem Tisch. Außerdem ein Tannenzapfen. Von der Poesie keine Spur.

Wo bist du? Rufe ich.

Da taucht sie auf.

Ich hatte mich unter der Tarnkappe versteckt, sagt die Poesie. Besser gesagt: unter der Frankfurter Allgemeinen.

Warum? Frage ich. Und: Was hast du mit den Sachen da vor?

Ich rüste mich für die Frankfurter Buchmesse, sagt die Poesie. Ich bin eingeladen, ich muss hin. Das geht auf keinen Fall ohne Tarnkappe und Ausrüstung.

Und wofür brauchst du auf der Frankfurter Buchmesse einen Staubwedel, Wattekügelchen und einen Tannenzapfen? Frage ich.

Um den Staub von den Brillen der Literaturkritiker, Literaturagenten und Verleger zu wischen, als Ohrstöpsel, wenn mir das Buchmarktgequassel auf die Nerven geht, und zum dran festhalten, damit ich mich nicht verliere. Sagt die Poesie.

Vermutlich ist die Poesie die einzige, die von den Security-Leuten am Eingang nicht aufgehalten wird, weil sie die Frankfurter Buchmesse mit einem Staubwedel betreten will. Sie darf das.

Zweihundertdreiundneunzigste Tasse

Die Poesie verfasst einen Freudenbrief an Antje Rávic Strubel. Was drin steht, ist natürlich Briefgeheimnis. Die Poesie aber wählt die schnellste und zuverlässigste ihrer Brieftauben, um den Brief sicher bei seiner Empfängerin ankommen zu lassen. Die Brieftaube heißt Danke. Sie hat für den Flug ihr blaues Federkleid angelegt.

Bevor sie losfattert, hören wir uns gemeinsam mit ihr nochmal die kurze Rede an, die Antje Rávic Strubel unlängst gehalten hat. Die Poesie ergänzt ihren Brief, rollt ihn zusammen, die Brieftaube gurrt, schnappt sich die Zeilen der Poesie und fliegt noch höher und noch schneller, als sie es ohne die Rede, die sie soeben gehört hat, fertiggebracht hätte.

Zweihundertzweiundneunzigste Tasse

Kastanienwesen haben unseren Tisch eingenommen. Sie strecken ihre Streichholzgliedmaßen in alle Richtungen und bilden eine illustre Einheit.

Pssst, zischt die Poesie, wir wollen nicht stören!

Wir rühren sie nicht an und lassen sie sich sammeln. Sie scheinen sich auf etwas vorzubereiten. Bevor sie im Laubfeuer landen, werden sie noch durch die Institutionen marschieren. Für solcherlei Zusammenkünfte opfern wir gern unseren Tisch.