Hundertsechste Tasse

Die ersten Kirschblüten sind aufgegangen. Die ersten Kirschblüten sind aufgegangen. Die Poesie wird den Tag im Garten unter dem Baum verbringen und zuschauen, wie weitere Blüten aufgehen. So gewinnt man keinen Wettbewerb, keinen Gerichtsstreit und schon gar kein Kapital. Das Wort GEWINNEN hat die Poesie aber schon vor Jahren in der Jauchegrube versenkt.

Hundertfünfte Tasse

Ein Walross sitzt mir gegenüber. Die Poesie hat die ganze Nacht an dem Kostüm genäht. Dem Walross entweicht ein langer, tiefer, inbrünstiger Seufzer. Es schreibt auf einen Zettel: Ich verstehe diese Welt nicht mehr.

Es knüllt den Zettel zusammen, steckt ihn in den Mund und beginnt, langsam und bedächtig zu kauen. Ich tätschle dem Walross die riesige Flosse. Es schluckt und seufzt noch einmal.

Nach einer langen Pause schält sich die Poesie aus dem Kostüm und sagt: Jetzt geht es wieder.

Das Kostüm hängen wir sorgfältig auf einen Bügel und in den Kasten. Für’s nächste Mal.

Hundertvierte Tasse

Konfetti schwimmt im Kaffee. Die Poesie hat sich in Luftschlangen verheddert, sie hat rote Bäckchen und grunzt vor Vergnügen. Es gibt Sekt und Torte zum Frühstück. Ich puste Luftballons auf, die Poesie lässt sie platzen. Jetzt oder nie, sagt sie. Und sie hat recht.

Hundertdritte Tasse

Eine Flinte liegt im Korn. Die Poesie hat sie hineingeworfen. Was soll ich mit diesem hässlichen, lauten Ding, sagt sie. Und was macht überhaupt das Korn in unserer Küche? Wie kommen wir dazu?

Wir kehren alles zusammen, schaufeln es in die Scheibtruhe und parken diese draußen vor der Tür. Die Poesie stellt ein Schild auf: Zu verschenken.

Niemand nimmt etwas mit. So nehmen wir die Flinte, entladen sie und benutzen sie fortan als Teppichklopfer. Wir klopfen die Teppiche, bis nichts mehr darin ist, was nicht hineingehört. Das Korn fressen nach und nach die Mäuse und die Vögel. Die leere Scheibtruhe ernennen wir zum neuen Friedenssymbol.

Hundertzweite Tasse

Väterchen Frost ist zu Besuch. Die Poesie hat es eingeladen, um ihm die Leviten zu lesen, und garantiert nicht in Versen. Was fällt Dir ein, schimpft die Poesie, und: Wir brauchen Marillen. Marillen, Marillen. Verstehst Du das?

Väterchen Frost ist kleinlaut, lässt seinen Kaffee eiskalt werden (was zu erwarten war) und wurschtelt verlegen in seinem ungepflegten Bart herum. Kein Wort der Erklärung, keines der Entschuldigung.

Die Poesie holt den Föhn und bläst Väterchen Frost ins ausdruckslose Gesicht. Tropfen beginnen sich zu bilden, Väterchen Frost reißt die Augen auf und beginnt, um Gnade zu flehen. Wir hören es kaum, der Föhn ist so laut. Unter dem Tisch bildet sich bereits eine Lache. Die Poesie schält den Föhn wieder aus. Väterchen Frosts Bart ist schon erstaunlich viel kürzer geworden. Wurschtel lieber an den Blüten draußen herum und hilf gefälligst, sie zu bestäuben, sagt die Poesie.

Väterchen Frost dackelt wortlos hinaus. Die Poesie wird sich hüten, es zukünftig zu besingen. Was für ein Feigling.

Hunderterste Tasse

Am Straßenrand. Sobald eine Kröte ankommt, springt die Poesie auf und trägt sie über die Fahrbahn. Es wird heute vermutlich noch viele Kröten über die Fahrbahn zu tragen geben. Heute, hier und überhaupt.

Hundertste Tasse

Heute trinken wir den Kaffee zwischen den Zeilen, unter einer Luftmatratze, die mit Wind gefüllt ist, auf einem Spinnennetz, das Walrösser trägt, zwanzigtausend Meilen vom Meer entfernt und trotzdem schwimmend, im Morgentau, durch Schlagzeilen rudernd, mühelos, und ohne die Felle noch fangen zu wollen, die uns längst davontrieben. Wir brauchen keine Felle mehr. Wir sammeln Federn und schreiben uns damit fort.

Neunundneunzigste Tasse

Ich kann die Poesie nicht sehen. Ein Berg Unannehmlichkeiten versperrt mir die Sicht. Dahinter aber steigt der Dampf ihres Kaffees auf. Ich höre sie leise schlürfen. Und das reicht schon. Ich kann das Gipfelkreuz sehen.

Achtundneunzigste Tasse

Eine Eisenbahnbrücke führt über unseren Tisch. In regelmäßigen Abständen rattern Diesel- und Dampflokomotiven mit schwer beladenen Waggons im Schlepptau darüber. Ein Riesenlärm. Die Brücke muss viel aushalten. Sie gerät bald ins Wanken. Die Poesie wird ruckzuck zum Pfeiler und stützt.

Aus aktuellem Anlass

Rezept für Kirchstettner Fernleihe (auch „Click & Collect“ genannt)

Benötigt wird:
1 Maus 
1 Einkaufskorb
1 Telefon

So wird es gemacht:
1. Mit der Maus die Internetseite der Bücherei Kirchstetten anklicken: www.buecherei-kirchstetten.noebib.at
2. In den Neuerscheinungen und im Online-Katalog stöbern und Schmankerl aussuchen
3. Per Mail oder Telefon bestellen: kirchstetten-buecherei@bibliotheken.at oder 0680/20 31 645
4. Zu den gewohnten Öffnungszeiten kontaktlos abholen: DI 16-19, DO 9-11:30, FR 15-19, SO 10-12

(Wer in Quarantäne ist, bekommt geliefert)