Hundertsiebenundzwanzigste Tasse

Die Poesie hat eine Telefonschaltzentrale eingerichtet. Es laufen dort mehrere Hotlines zusammen: Eine Hotline, bei der man anrufen kann, wenn man die Stimme der Poesie hören möchte. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und nichts hört, also absolut NICHTS. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und die Rücktrittsreden zurückgetretener Politiker und Politikerinnen hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und eine Kreissäge kreischen hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und sein eigenes Echo hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und ein Eichhörnchen Nüsse knacken hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und das Gras wachsen hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und es donnern hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann, um ganz allgemein seine Wünsche zu äußern (ein Tonband nimmt sie auf, sie werden dann archiviert). Eine Hotline, bei der man anrufen kann und die Rush Hour in Shanghai hört. Eine Hotline, bei der man anrufen kann und live hört, was in der örtlichen Bücherei gerade los ist (auch wenn nichts los ist).

Die Poesie hat alle Hände voll zu tun mit all den Knöpfen und Hebeln. Die Drähte laufen heiß. Bis sie verglühen.

Hundertsechsundzwanzigste Tasse

Dampf steigt aus dem Suppentopf auf. Die Poesie hat eine Suppe aus vielen neuen und alten und unbekannten Wörtern gekocht. Die wird sie später draußen austeilen. Kostenlos, versteht sich. Die Suppe muss erst noch ein wenig köcheln, bis alle Zutaten ihren vollen Geschmack entfalten.

Hundertfünfundzwanzigste Tasse

Der Wirbelwind ist wieder fort. Es war abzusehen, dass die Poesie nur eine kurze Liebschaft mit ihm pflegen würde. Hinterlassen hat er einen Haufen Kirschblütenblätter, die er vom Baum geweht hat. Mehr wollte ich nicht, sagt die Poesie und schaufelt die Blütenblätter in einen Kübel. Später wird sie im Geschäft damit bezahlen, einem Pessimisten welche in die Wurstsemmel stecken, einen Kampfjet damit tanken, eine Festplatte damit füllen, sie in ein Digitaluhrwerk streuen, sie auf zwei Weltmächte regnen lassen, einen Fernseher damit berieseln, ein Virus darunter begraben, eine Marktlücke damit stopfen und ein Wort daraus legen: Ach.

Neuigkeit der Woche

Der Lenz ist da!

Ja, genau, nämlich in der Bücherei Kirchstetten. Die sperrt heute um 16 Uhr endlich wieder auf und kann dann zu den gewohnten Öffnungszeiten tatsächlich so richtig und in echt und mit dem ganzen Körper und sogar atmend (unter einer FFP2-Maske, aber immerhin!) besucht werden!

Wer also vor lauter Lenz und Öffnungsschritten und Blütenduft und zurückgewonnenen „Freiheiten“ schon ganz wuschig im Kopf ist, dem empfiehlt es sich erst recht, vorbeizuschauen.

Denn es ist eine Tatsache: Ein Besuch in der Bücherei Kirchstetten schützt nachhaltig vor Wahnsinn!

Oder möchte jemand enden wie Georg Büchners tragischer Held, der heißt wie der Frühling, sich aber sogar von den Freuden der Natur überfordert sieht?

Nein, nein, nein! So möchte niemand enden!

Also nicht durch die Vogesen wandern, sondern nach Kirchstetten in die Wienerstraße 32. Öffnungszeiten:

Dienstag: 16 bis 19 Uhr
Donnerstag: 9 bis 11.30 Uhr
Freitag: 15 bis 19 Uhr
Sonntag: 10 bis 12 Uhr

Hundertvierundzwanzigste Tasse

Die Poesie hat ein Rendezvous mit einem Wirbelwind. Ich werde nicht lange weg sein, ruft sie zum Abschied. Sie bleibt dann aber erstaunlich lange weg. Ihr Haar ist zerzaust, als sie zurückkehrt, und sie klagt über Schwindel, scheint aber fröhlich. Kleb schon mal alle Sachen fest, sagt sie grinsend, für morgen habe ich ihn zu uns eingeladen. Ein Freund für’s Leben wird er sicher nicht, aber es schadet wohl nicht, ihn hier mal durchwirbeln zu lassen.

Die Poesie wirft Hinkelsteine in unsere Tassen. Die weht uns keiner weg.

Hundertdreiundzwanzigste Tasse

Die Poesie hat im Geschäft eine Leberkässemmel, Eier und neuen Kaffee gekauft. Niemand hat sie erkannt. Das lag daran, dass eine Horde Argonauten hereinstürmte, um sich eine Jause zu besorgen, und dabei sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zog. Enorm hektisch waren diese Matrosen, berichtet die Poesie, und furchtbar unfreundlich. Und das alles wegen einem depperten goldenen Widderfell. Aber mir soll es recht sein, ich kann es eh nicht leiden, gleich in der Früh erkannt und angequatscht zu werden.

Die Argonauten sind längst weitergehetzt. Sie ahnen nicht, dass ihre Jagd sinnlos ist. Das Goldene Vlies ist seit Jahren der Schuhabtreter der Bücherei hier im Ort. Kein Mensch weiß mehr, wie es hergekommen ist. Vermutlich in einer Flohmarktkiste. Kein Mensch weiß mehr, dass es einmal golden war. Die Schuhe der vielen Besucherinnen und Besucher haben über die Jahre enormen Schmutz hinterlassen.

Eilmeldung

Hurra!

Ab Dienstag, 4. Mai, darf die Bücherei Kirchstetten wieder zu den gewohnten Öffnungszeiten betreten werden!

Jetzt schon betreten werden kann der neu eingerichtete Kirchstettner Waschsalon (im Gemeindeamt, gleich neben der Bücherei). Hier kann die Wartezeit bis Dienstag nicht nur durch Wäschewaschen verkürzt werden…Die Poesie war schon dort und hat ihre alte Freundin Ingeborg Bachmann getroffen.

Hundertzweiundzwanzigste Tasse

Robinson Crusoe hat an unsere Tür geklopft. Wir haben ihm einen festen Wohnsitz angeboten. Wir sind keine Insel, sagte die Poesie, Inseln sind elitär und unsolidarisch. Wir leben hier mitten auf dem Festland, im endlosen Alltag. Und das ist die Kunst.

Robinson Crusoe schien wenig überzeugt und ging wieder. Wir haben nichts mehr von ihm gehört. Nun sitzen wir am Küchentisch, zerkleinern das Wort Inselstatus und rühren das Pulver in unseren Kaffee. Er schmeckt exotisch, aber nur für einen Moment. Und auf den können wir verzichten.

Hunderteinundzwanzigste Tasse

Auf der Spitze des Maibaumes sitzt – winzig und kaum zu erkennen von hier unten – die Poesie. Sie kann gut klettern, sie hat keine Höhenangst. Auf einem Ästchen ruht sie sich nun aus und trinkt einen Schluck Kaffee, den sie sich heute in einen Flachmann gefüllt hat, der in die Jackentasche passt. Sie kann weit blicken von dort oben, der Himmel ist klar, es riecht zum ersten Mal in diesem Jahr nach Flieder. Die Poesie scheint aber nicht sehen zu können, was sie sucht. Wo sind die Arbeiteraufstände, sagt sie, wo sind die erhobenen Fäuste, und warum höre ich hier nur die Spatzen pfeifen, keinen Menschen aber Manifeste vorlesen?

Die Poesie klettert vom Maibaum herunter. Soll er bleiben, wo er ist. Wir gehen in die Bücherei. Dort beginnt immer etwas. Mehr als nur der Mai.

(Anmerkung: An Staatsfeiertagen und während Lockdowns ist die Bücherei nur mit eigenem Schlüssel zugänglich. Es empfiehlt sich also, in einer Bücherei mitzuarbeiten, um einen solch wertvollen Schlüssel zu erhalten.)

Hundertzwanzigste Tasse

Die Spatzen pfeifen so lustig, sagt die Poesie, und ich weiß, dass sie nicht die Spatzen meint, und dass sie auch nicht lustig meint. Die Spatzen pfeifen so lustig. Dieser Satz ist ein einziger Rettungsring, er trägt uns beide über die stürmische See, obwohl er viel zu klein ist für zwei, viel zu brüchig, um richtig wilden Gewässern standzuhalten. Aber jetzt, ganz kurz, trägt er uns, bis wir unseren Kaffee ausgetrunken haben. Schon völlig durchnässt sind wir, fröstelnd, und es wird nicht mehr lange dauern, dann werden wir ein Rettungsboot brauchen oder einen anderen Plan, wenn wir nicht untergehen wollen. Aber jetzt, ganz kurz, trägt er uns, und die Spatzen pfeifen, lauter als der Sturm.