Zweihundertsechzehnte Tasse

Mach das Licht aus, sagt die Poesie, sonst sehe ich nichts.

Es gibt Tage, da ist die Poesie unter sämtlichen Lampen blind. Auch im Sonnenschein. Also knipse ich die Lampen aus und lasse die Jalousien runter.

Danke, sagt die Poesie, jetzt kenne ich mich aus.

Ich höre sie sicheren Schrittes davontapsen. Keine Ahnung, wohin sie jetzt im Dunkeln geht. Aber ich weiß, sie wird wiederkommen. Und sie wird ein neues Wort mitbringen. Ein Wort für alles, was gerade noch fehlt.

Zweihundertfünfzehnte Tasse

Das wäre doch gelacht, sagt die Poesie und zwickt Wladimir Putin kräftig in den kleinen Zeh. Er jault, springt auf und verlässt die Wohnung. Er hatte es sich uneingeladen bei uns gemütlich gemacht.

Hätte er mal seine Schuhe anbehalten, sagt die Poesie.

Aber auch große Männer haben Momente, in denen ihre Füße geschwollen sind und sie unvorsichtig werden.

(Tipp an Wladimir Putin: Gegen geschwollene Füße hilft am besten Bewegung. Zum Beispiel ein Spaziergang zur Bücherei Kirchstetten, heute geöffnet von 16 bis 19 Uhr. Einlass aber nur ohne Zepter, Kronen und unsichtbare Machtgelüste jedweder Art. Achtung: Es wird streng kontrolliert!)

Zweihundertvierzehnte Tasse

Das Horoskop der Poesie verrät, es sei der ideale Zeitpunkt für einen Beauty-Tag.

Gern, sagt die Poesie, aber sicher ohne Gesichtsmaske, Duftkerzen und Intimrasur!

Sie stürzt ihren Kaffee hinunter, richtet sich noch ein Wurstbrot, wirft den Spiegel aus dem Fenster, verbrennt ein paar Modemagazine im Spülbecken, zieht die Schlabberhose an, legt die Füße auf den Tisch und beginnt, Hannah Arendt zu lesen.

Bitte nicht stören!

Zweihundertdreizehnte Tasse

Preisfrage, sagt die Poesie:

Wer wird oft und gerne übersehen, überhört, versteckt, klein gehalten, lächerlich gemacht oder schlicht übergangen oder vergessen (was natürlich keiner zugibt), findet aber längst andere und klügere Wege ans Licht?

(Tipp 1: Es ist in diesem Fall nicht die Poesie selbst gemeint, und wenn gehäkelt wird, dann nur noch am Deckmantel der Revolution.)
(Tipp 2: Die Antwort wird heute um 10 Uhr in der Bücherei Kirchstetten in die Welt hinaustrompetet. Unter anderem vom Damenensemble der Trachtenmusikkapelle Kirchstetten.)

Zweihundertzwölfte Tasse

Wir sitzen in der Thujenhecke, um uns ein wenig zu verstecken.

Einzig dafür ist die Thujenhecke da, sagt die Poesie und kuschelt sich noch etwas tiefer hinein.

Die Heckenschere hat sie eingesteckt, sie wird uns später herausschneiden. Und noch einige andere Verstecke freilegen. Nur für einen Moment. Die Thujenhecke wird dann schnell wieder darüberwuchern. Aber dann wissen wir um all die Verstecke und Versteckten darin.

Einzig dafür ist meine Heckenschere da, sagt die Poesie.

Ich bin froh, dass sie so viele Werkzeuge besitzt. Sie befreit uns aus Thujenhecken. Und anderen Lebenslagen.

Zweihundertelfte Tasse

Die Poesie hat Vorteils – und Aktienpakete zerschnitten und ein Narrenkastl daraus gebaut. Alte Schuhsohlen hat sie auch mit hineingebastelt. Das Kastl steht nun vor uns auf dem Tisch. Es gibt sonst nichts zu berichten heute. Wir schauen hinein.

(Diverse Narrenkastln zum ausborgen gibt es in der Bücherei Kirchstetten, heute geöffnet von 15 bis 19 Uhr.)

Zweihundertzehnte Tasse

Es dröhnt und staubt. Die Poesie fährt Mähdrescher. Was wir gesät haben, ist jetzt reif. Es war kein Getreide, sondern Wind. Nun erntet die Poesie den Sturm. Geschickt lenkt sie das riesige Fahrzeug. Später wird sie die Ballenpresse holen und den Sturm zu Ballen formen. Die werden wir einlagern. Für allzu ruhige Zeiten. Und falls mal schnell etwas durchgewirbelt, aufgerüttelt oder fortgepustet werden muss.

(Allerlei Stürme zum ausborgen gibt es in der Bücherei Kirchstetten, heute geöffnet von 9 bis 11:30 Uhr)

Zweihundertneunte Tasse

Die Poesie hat ihre Taucherbrille aufgesetzt. Manchmal beginnt der Tag wie unter Wasser. Und trotzdem müssen wir was sehen können.

Bleiben wir unten, sagt die Poesie und streift sich Taucherflossen über. Tauchen wir eben morgen erst wieder auf.

Ich schütte ihr noch etwas Kaffee durch den Schnorchel in den Mund, dann lasse ich sie davongleiten. Hinunter. Sie bewegt sich ganz langsam, taucht immer tiefer. Unter unserem Küchentisch wachsen Algen, Korallen und seltene Unterwassergewächse. Die Poesie verschwindet darin. Ich halte mich lieber an der Oberfläche auf. Die Poesie wird mir morgen berichten, was sie in den Untiefen gesehen hat. Darauf bin ich schon gespannt.

Zweihundertachte Tasse

Die Poesie hat Hilde Domin zum Kaffee eingeladen. Sie kommt, sie kann nicht mehr so gut gehen, sie verwendet eine Rose als Gehstock. Es funktioniert. Sie lächelt, als sie die Rose in die Ecke lehnt und sich zu uns setzt. Ich hoffe, sie bleibt lange da.

(Hilde Domin wäre heute 112 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt es in der Bücherei Kirchstetten heute Anleitungen zu borgen: Sich ein Zimmer einrichten in der Luft und verläßliche Tiere halten. Der Dank gilt Hilde Domin, dass sie uns das lebenslang Wort für Wort vorgemacht hat. Die Bücherei ist heute von 16 bis 19 Uhr geöffnet.)


Nur eine Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.

Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.

Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.

Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.

(aus: Hilde Domin – Nur eine Rose als Stütze, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2008, S. 55)

Zweihundertsiebte Tasse

Langsam, langsam, sagt die Poesie. Heute machen wir alles im Schneckentempo.

Aber es ist Montag, sage ich, es muss losgehen.

Gerade deshalb, sagt die Poesie. Und los geht’s. In Zeitlupe.

Es dauert Stunden, bis unsere erste Tasse Kaffee heute leer ist. Obwohl der Kaffee dabei kalt wird, ist es ein herrlicher Montag. Losgegangen ist jedenfalls trotz kaltem Kaffee mehr, als wir dachten.