Zweiundzwanzigste Tasse

Ich habe die Poesie nicht gleich erkannt. Sie hat sich als Vogelscheuche verkleidet, obwohl sie Verkleidungen eigentlich hasst. Ich erschrecke. Die Poesie sagt: Keine Angst, ich übe nur. Ich frage: was übst du? Die Poesie sagt: Verkleiden. Ich frage: Warum? Die Poesie sagt: Weil ich denke, es könnte in Zukunft ratsam sein, nicht immer gleich erkannt zu werden. Ich sage: Du wirst sowieso meistens nicht erkannt. Die Poesie sagt: Genau. Aber ich möchte eben noch weniger oft erkannt werden, damit mir noch mehr Möglichkeiten bleiben, dort zu sein, wo niemand an mich denkt. Ich frage: Und wenn du gar nicht mehr erkannt wirst? Dann bist du doch weg. Und nur noch eine Vogelscheuche. Was soll das bringen? Die Poesie sagt: Ich werde nicht weg sein. Ich werde den Aaskrähen zuflüstern, dass sie Feiglinge sind, wenn sie vor mir flüchten. Ich werde sie zähmen und zu einem Chor formieren. Ich habe schon die wildesten Gesänge im Ohr.

Eilmeldung

Pünktlich zur Angelobung des neuen US-Präsidenten wird über der Bücherei Kirchstetten heute zu Mittag die Flagge der Intelligenz gehisst werden. In den USA, auf den Treppenstufen des Kapitols zu Washington, wird Lady Gaga die amerikanische Nationalhymne singen. In Niederösterreich, auf den Treppenstufen des Gemeindeamtes zu Kirchstetten, wird die Büchereileiterin, die zwar kein Popstar, aber mindestens genauso beliebt ist, nicht singen, sondern einige hoffnungsvolle Passagen aus „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ von Christine Nöstlinger vorlesen (was im Gesamten als Nationalhymne vorgeschlagen werden sollte).

Zwanzigste Tasse

Die Poesie trinkt ihren Kaffee heute aus der Hälfte eines Globusses, die andere Hälfte hat sie sich als Hut aufgesetzt. Sie ist sehr konzentriert bei der Arbeit, möchte sie heute doch die erste Internationalhymne der Geschichte verfassen. Nationalhymnen sind Schnee von gestern, sagt die Poesie. Über Nacht hat es hineingeregnet. Ich lasse die Poesie in Ruhe werken und überlege schonmal, womit ich den Globus dann wieder zusammenklebe. Am Ende des Tages wird vielleicht manches Land an eine andere Stelle gerückt sein. Und reimen wird sich garantiert nichts.

Neuigkeit der Woche

Nachdem der neuerliche, Pandemie-bedingte Medienrummel um sein Buch „Die Pest“ den eigentlich zurückgezogen lebenden Albert Camus nachhaltig in Stress versetzte, hat er im beschaulichen Kirchstetten in der geschlossenen Bücherei Unterschlupf gesucht. Er wird dort nun residieren, bis der Hype um ihn sich legt.

Achtung: Er möchte ausdrücklich in Ruhe gelassen werden!!! Bitte nicht an die Scheiben klopfen oder ähnliches.

Eingefleischte Fans, die unserem Gast aus Frankreich dennoch etwas Gutes tun möchten, mögen sich bitte an die drei C halten: Croissants, Camembert, Cognac.

Bitte einfach vor der Bücherei abstellen. Es wird regelmäßig eingesammelt und an Herrn Camus weitergereicht.

Achtzehnte Tasse

Der Wahnsinn hat an die Tür geklopft, wir haben ihn hereingelassen. Auch er soll seine Chance haben, sich zu erklären. Er stottert nur wirres Zeug, und das ist eine Enttäuschung, denn wir hätten mehr von ihm erwartet. Fast bekommen wir Mitleid mit ihm, weil er so hilflos wirkt. Dann aber beginnt er, die Poesie anzugrapschen. Ganz subtil und heimlich unter dem Tisch. Mir aber entgeht nichts, was auch nur im Entferntesten herabwürdigend gegenüber der Poesie ist. Genau so heimlich und subtil schiebe ich dem Wahnsinn ein Schüsselchen Salz anstatt Zucker zu seinem Kaffee hin. Er greift kräftig zu.

Später geleite ich unseren hustenden und würgenden Gast freundlich zur Tür und gebe ihm zur Sicherheit ein altes Handtuch mit.

Siebzehnte Tasse

Die Poesie kommt erst bei Tagesanbruch nach Hause. Sie hat in der Bücherei übernachtet. Das tut sie hin und wieder. Sie pflegt eine Liebschaft mit der Amsel, die dort wohnt. Die Amsel singt am liebsten das Wort DENNOCH. Die Poesie singt eine Tonlage tiefer sämtliche Synonyme dafür. So singen die beiden meist die ganze Nacht. Früher kam es vor, dass Nachbarn sich dadurch in ihrer Ruhe gestört sahen und die Polizei riefen. Mittlerweile singen die beiden leiser, dafür länger. Wenn die Poesie dann in der Früh nach Hause kommt, ist ist sie fröhlich, aber sehr erschöpft. Sie nimmt ihre Kaffeetasse mit ins Bett, schlürft noch ein wenig daraus, stellt sie auf dem Fußboden ab und schläft summend ein.

Sechzehnte Tasse

Die Tasse der Poesie ist runtergefallen und zerbrochen. Wir kehren die Scherben auf und versuchen, sie wieder zusammen zu kleben. Es war die Lieblingstasse der Poesie. Es gelingt nicht. Die Scherben sind zu klein, einige Stücke fehlen. Von der Lieblingstasse bleibt nur ein löchriges Gebilde übrig. Die Poesie sagt: Wir sollten nicht mehr daraus trinken, wir sollten besser etwas darin einpflanzen, damit es wachsen kann, einen Kaktus, ein paar Vokabeln, eine Landkarte, etwas überflüssige Zeit.

Die Poesie sagt: Lieblingstassen sollten überwunden werden.

Dann holt sie ein paar Schaufeln Erde vom Acker.

Fünfzehnte Tasse

Auch im Alltag der Poesie kommt es vor, dass die Toilette verstopft ist. Die Poesie ist eine große Verehrerin des Klempnerhandwerkes, unter ihren engsten Verbündeten befindet sich sogar ein waschechter Klempner. Trotzdem ist es ihre Art, die Dinge ersteinmal selbst lösen zu wollen. Und so steht die Poesie nun im Badezimmer und stochert mit einem langen Draht im Abflussrohr. Hin und wieder flucht sie leise. Hin und wieder halte ich ihr die Kaffeetasse an den Mund, damit sie einen Schluck nehmen kann. Ich weiß, sie wird nicht aufgeben, bevor das Wasser wieder abfließt. Danach, sagt die Poesie, werfe ich nur noch kleine hohle Wörter, wie zum Beispiel „Ruhm“ oder „Geld“ ins Klo, um sie loszuwerden. Die großen hohlen Wörter werde ich in Zukunft zersägen und anderweitig verarbeiten. Wie zum Beispiel „Budgetdebatte“ oder „Begutachtungsfrist“. Recycling ist heutzutage schließlich sinnvoller denn je.